Geschichten


Ich gehe am Kopf von Hegel vorbei und nicke ihm pflichtschuldig zu. Er schaut etwas grimmig, aber ich würde wahrscheinlich auch nicht sonderlich glücklich dreinschauen, wenn man mich nicht einmal als ganzes, sondern nur mein Haupt in Bronze gegossen und auf ein Stück Stein gehievt hätte. Und dieses Stück Stein steht noch dazu recht lieblos auf dem Platz. Kaum jemand schenkt ihm oder Hegels Kopf Beachtung.

Aber ich laufe ja nur vorbei, lenke meine Schritte in das schmale Gässchen zwischen all den großen, lauten oder zumindest gepflasterten Straßen der Umgebung. Hier pfeift der Wind nicht. Er ruht sich aus, ringt nach Luft, bevor er weiter muss. Dabei hinterlässt er den Geruch von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln und ich lächle. Nicht wegen des Zuckers oder der Mandeln, sondern wegen des Schotters. Meine Stiefelsohlen sind hauchdünn, die Füße bar und ohne Strumpf in den Schuhen. Die kleinen spitzen Schotterstückchen bohren sich durch die Sohlen in mein Fleisch.

Das streckt die Zeit und gerade hier in diesem kleinen Gässchen, das beinahe so unbeachtet wie Hegels Kopf ist, freue ich mich, dass die paar Meter mir nun länger vorkommen.

Am Ende richtet sich mein Blick kurz nach links und ich lächle den Polizisten zu, die dort in der Kälte stehen. Pro forma. Sie erwarteten es nicht und ich fühle mich hier nicht in der Pflicht. Ich muss eher immer kurz stutzen, bis mir einfällt, dass ich ja weiß, warum sie da stehen, und lachen, weil mein Vergessen und ihre Präsenz beide absurd sind. Pro forma nicke ich ihnen zu, weil das nichts weiter heißt als ›die Form wahren‹, so ungefähr jedenfalls und es mich an ›den Anschein wahren‹ erinnert und ich mir scheinbar zu viele Gedanken über Worte mache.

Weiter ab, denn wir dürfen das Geländer nicht vergessen. Einfach über die Straße und ran an das Geländer. Unter einem dann der Wassergraben und gegenüber auf der anderen Seite erheben sich die alten Bauten und davor steht sie zwischen all den Fassadenstückchen und dem Bauschutt, der bald weggekarrt wird, um zukünftige Fassadenstückchen und zukünftigen Bauschutt heranzukarren, womit sie die Bauten hübsch machen wollen. Während drin doch auch nur Tonscherben rumliegen.

Ja, da steht sie. Trotz der Kälte in dem dünnen, aber hochgeschlossenen Sommerkleidchen. Dunkelblau mit stecknadelkopfgroßen, weißen Punkten, die ich nicht sehe, aber kenne und deshalb weiß, dass sie da sind. Die störrischen Haare hat sie in zwei Zöpfe gebannt, über jedem Ohr einer und unter ihren wasserblauen Augen lächelt sich mich mit debilem Grinsen an und winkt eifrig. Ich lache, winke zurück und rufe: »Spring!«

Da springt sie, ich sehe sie noch grinsend im eiskalten Wasser, laufe über die Brücke zur Insel, über diese hinweg und die nächste Brücke rauf. Auch in diesem Wasser grinst sie und ich rufe: »Jetzt schrei!«

Da schreit sie und später steht sie dann an der Ampel plötzlich neben mir, noch immer triefnass, noch immer im Sommerkleid und ja, nun, sie schreit und grinst und winkt. So geht das den ganzen Tag. Hinter der nächsten Ecke steht sie und ringt um Aufmerksamkeit immer wieder und wieder, auch wenn ich sie eine Treppe hinunter stoße oder vor ein Auto schubse. Ich kenne das. Genauso wie die kleinen weißen Punkte auf ihrem Kleid. Es ist immer das gleiche.

Erst wenn ich dann in einem Café sitze oder einer Kneipe, sie draußen bleiben muss und gegen die Fensterscheiben klopft, während ich drinnen sitze und aufschreibe, was sie geschrien hat, dann hört sie auf zu grinsen und grad wenn ich kurz davor bin, sie zu verlieren, dann stehe ich auf.

Denn ich weiß und sie weiß, dass ich dann, wenn es auf der Straße wirklich dunkel ist und sich auf ihrer nassen Kleidung Frost bildet, ich raus gehen werde, sie an die Hand nehme.

In meiner Wohnung lächelt dann keine mehr von uns beiden, aber sie bekommt eine warme Decke, eine heiße Schokolade und das Himmelbett in meiner Besenkammer.

5.12.08

Als ich mich damals so sehr nach Dir sehnte, weil ich mit Worten und Sprache überfordert war, hatte ich nicht geglaubt, daß Du tatsächlich eines Tages hier auftauchen würdest. Erst recht nicht, daß Du so klein bist. Ich muß Dich wochenlang übersehen haben. Erst als ich durch die Wohnung streifte, wie ein Großwildjäger auf der Suche nach einem entflohenen Buchstaben, fand ich Dich.
Und da saßt Du. Etwas zusammengekauert, verängstigt, verwirrt. Jedoch nicht so verwirrt wie ich. Ich flüchtete Hals über Kopf aus meiner Wohnung, zu groß war der Schock. Und als ich dann eine Zigarette nach der anderen rauchend in irgendeinem Café saß, wurde mir bewußt, was Du bist. Ich bezahlte meine Rechnung, stieg in die Bahn und fuhr heim. Zu Dir.
Du hast Dir ein Nest gebaut. Hinter meinem Kühlschrank. Aus zerknülltem Papier. Ich rückte den Kühlschrank beiseite und nahm Dich vorsichtig in meine Hand. Während ich irgendeine Melodie vor mich hinsummte, um Dich oder mich zu beruhigen, betrachtete ich Dich. Etwas unspektakulär siehst Du aus. Keine buntschillernden Farben, keine Tentakeln oder Zähne oder sonst etwas. Nur grau und ein Mund und ein paar Augen. Und danach sollte ich so lange gesucht haben?
Etwas enttäuscht setzte ich Dich zurück in Dein Nest, stellte Dir eine Schale mit Milch hin und schloß die Küchentür hinter mir ab. Nur um auf Nummer sicher zu gehen.
Am nächsten Tag war ich schon etwas mutiger. Ich probierte ein wenig mit Dir herum. So nahm ich ein Buch, zeigte Dir ein Wort, daß häßlich war und sich nicht einfügen wollte in den Text und siehe da – und ersetztest es. Das Wort, das nun dastand, eine Kopie deiner selbst, war perfekt. Nein, mehr als das. Es war richtig.
Ich ließ Dich hunderte von Worten ersetzen und alle Sätze, die Du berührtest, wurden perfekt. Ich übte Reden ein und Du brachtest sie zur Vervollkommnung. Langsam aber sicher wurde ich mir Deiner Bedeutung bewußt, der Macht, die Du darstelltest.
Mein Umfeld nahm den Wandel in meiner Sprache wahr. Sie war beeindruckt und ich begann Dich verborgen in einer Tasche mit mir zu führen. Wann immer ich nicht weiter wußte, offeriertest Du mir die richtigen Worten.
Nur manchmal war es allzu perfekt. Hatte ich mich früher bei Fettnäpfchen rausreden können, ich hätte nur eine unglückliche Formulierung gewählt, war mir dieser Fluchtweg nun abgeschnitten. Auch wurde ich den Menschen etwas unheimlich, gelang es mir doch plötzlich den Sinn einer Sache durch Worte zu artikulieren. Mir dämmerte, daß Du ein Schlüssel bist. Zu Verständnis, Weisheit, Wissen.
Und nun habe ich Angst vor Dir. Denn Du führst mich durch Deine perfekten Worte immer näher an eine Schwelle, die Wahnsinn bedeutet. Alles zu verstehen, weil Sinn nicht hinter nebulösen Sprachverschachtelungen versteckt bleibt, erscheint mir zu gefährlich. Du bist Macht. Du bist Wort. Du bist der Ursprung des Wortes.
Mit Dir könnte man Gott spielen.
Könnte ich Gott spielen.

28.10.05

Morgengrauen

Dieser Morgen war anders als sonst. Es erschien mir, ich wäre aus einem Alptraum erwacht, voller Gänge und Türen. Einem Alptraum, der keinen Sinn ergab, aber solange ich noch träumte, wurden mir tausend Wahrheiten entpackt, die ich alle sämtlichst im Moment des Erwachens vergaß.
Ich hasste solche Träume. Das Gefühl, das sich unweigerlich einstellte, etwas unendlich kostbares verloren zu haben, übertrug sich schleichend auf den Körper und faulte eifrig vor sich hin.
Selbst der kühle Boden unter meinen Füßen, als ich durch den Flur schlurfte, konnte die Fäulnis nicht vertreiben.
Der Kaffee schmeckte schal, als wäre er nur noch die bloße Erinnerung an sich selbst. So war auch hier kein Trost zu erwarten.
Dann gab es nur noch eins. Ich schlug die Wohnungstür hinter mir zu. Zögernd tapste ich die Treppe hinunter und in der Enge des Hauses vollzog sich eine übelerregende Wandlung. Ich kehrte mein Innerstes nach Außen und so stolperte ich schönheitstechnisch von hinten zerhackt, von vorne ausgespien auf die Straßen dieser Stadt.
Mir begegnete die übliche Anzahl von Menschen oder zumindest das, was von ihnen übriggeblieben war. Denn nun schienen sie mir wie Spiegelbilder meines Ichs. In unterschiedlichen Formen und Größen.
Als ich mir noch Gedanken machte, ob dies ein allgemeines Phänomen und es mir bisher nur nicht aufgefallen war, rumorte in der widerspenstigeren meiner beiden Gehirnhälften eine seltsame Idee.
Was wenn ich noch träumte? Wenn ich die tausend Wahrheiten nicht vergessen, sondern noch nicht entdeckt hatte? Dann wäre es einfach, einfach zu warten und nicht hochzuschrecken, sondern die Augen aufzuschlagen und Erleuchtung zu erlangen. Ich könnte durch die Welt gehen und mein Innerstes wäre dort, wo es hingehörte, in meinem Körper. Und die übliche Anzahl von Menschen sähe normal aus, so wie ich es erwartete. Und die Welt wäre in Ordnung.
Spätestens jetzt kam mir der Gedanke, ob es nicht doch ratsamer wäre, den einen oder anderen Psychiater aufzusuchen. Nicht unbedingt um der Therapie Willen. Eher wegen dieser kleinen, weißen und sauberen Pillen, die eine interessante Alternative zu meiner doch bedenklichen Gedankenwelt boten.
Ich blickte mich um und erkannte erstaunt, wohin mich meine Füße getragen hatten. Hinter mir lag dieser dreckige, unordentliche Organismus Stadt, der mir so seltsam vertraut angst machte, mit seinem Chaos.
Und vor mir? Ich war den Weg gegangen zum Ruhepunkt, zur Oase. Und Du standest einfach nur da und lächeltest.

Abenddämmerung

Die Oase ist vernichtet, der Ruhepunkt zerstört. Ich torkele auf die Straße. Meine Beine, zwei eigene Persönlichkeiten, wissen nicht wohin.
Also halte ich inne, atme tief durch und lecke meine Wunden und Dein Blut von meinen Krallen.
Ich lache, denn zu was anderem sollte ich noch fähig sein? Verwandelt sich der Asphalt unter mir doch in einen Spiegel. Unendlichfach reflektiert, mein jüngeres Selbst, das mir grinsend voller Verachtung ins Gesicht speit. Anstatt mich selbst in den Arm zu nehmen und zu trösten, flüchte ich, nun nicht mehr torkelnd, von diesem Ort.
Ich sehe mit Hoffnung in den Himmel, bin umringt von Raben. Mir die Augen auspickend, weisen sie den Weg.
So blickt mich die übliche Anzahl von Mitexistenzen verwundert an. Schweigend schleudere ich ihnen Worte entgegen. Ich konfrontiere sie mit Wissen, sage ihnen, wie es ihnen geht. Tausend Wahrheiten wurden mir entpackt, doch keine für mich, nicht ein einziges stummes Wort.
Ich beherrsche nicht einmal mehr meinen Körper. Autark reagiert er. So trage ich den Namen Espenlaub stur vor mich hin.
Warum nur muß heute alles so friedlich aussehen? Die Sonne wirft schillernde Farben gegen die Häuserwände. Ich registriere. Ich analysiere. Es ist mir egal.
Samen fallen aus meinen Händen, schlagen samtig weich auf den Boden auf und keimen in rotglühender Pracht. Ich zertrete diese bluttriefenden Stücke Fleisch. Selbst Raben kehren irgendwann zurück. Sie haben ihr Fressen gefunden.
Die Stadt ist ein Organismus. Die Menschen ihre Blutzellen, die Straßen ihre Adern. Sie gebiert sich aus sich selbst, bildet jeden Tag neue Auswüchse und Furunkel. Es sterben Zellen, neue werden geboren. Stinkendes, klebriges Blut, ohne das sie nicht leben könnte. Und ich bin die Krebszelle, die dem System entfliehen kann.
Mächtig, hast Du gesagt, wäre ich. Kann es sein, dass Du Dich da irrst? Ich werfe mit Phrasen um mich, ohne Klarheit zu finden. Zittere, ohne mich zu beruhigen. Spreche, ohne etwas zu sagen.
Ich ruhe in mir, schaffe Ausgleich. Doch das ist längst nicht mehr genug. Der Weg nach dem ich suche, ist nicht vorgegeben. So stochere ich in alten wie frischen Wunden und wundere mich, dass ich nicht blute.
Es ist an der Zeit zu verarbeiten. An der Zeit, Antworten zu finden, die auch für mich gelten.
Die Abenddämmerung senkt sich über mich.
Ich bin beglückt am Boden zerstört, gehe nach Hause und erwarte den nächsten Tag.

Nachtgedanken

Der Tag läßt auf sich warten.
Die Nacht umfängt mich in heuchlerischer Liebkosung. Einzig schlafen kann ich nicht. Ich liege wach, mein Herz rast, genau wie meine Gedanken.
Die Dunkelheit vermag nicht zu erschrecken. Ich stehe auf, registriere, daß Wurzeln aus meinen Füßen sprießen, sich im Boden verankern wollen. Ich schleife sie achtlos mit mir. Nur leblose Anhängsel meiner selbst.
Ich wandere zum Fenster, blicke hinaus. Mutter Stadt schaut mich aus zahllosen, leuchtenden Augen an. Doch so warm ihr ruhender Blick auch sein mag, ich sehe sie nicht mehr. Vor mir liegt ein unendliches Meer. Warte auf das leise Raunen, bevor ich Hände auf meinen Schultern spüre. Hände, die zu Sanftmut fähig sind, mich nun die Klippe hinunterzustoßen drohen. Doch ich ruhe in mir und erwidere das Lächeln.
Zumindest die Raben scheinen jetzt versöhnlich. Sie schmeicheln mir in Abwesenheit. Ihr Schlaf ist ruhig.
Welcher Drang ist es, der mich immer wieder zurückführt? Zur Zerstörung, zur reinigenden Kraft des Feuers? Warum nur sind …
Ich halte inne. Setze den Stift ab. Nur ungeordnet bringe ich Gedanken zu Papier. Ich drehe mich im Kreis. Ich ersticke Antworten mit Fragen. Sammle Wörter. Lange Ketten, bis ich genug habe und der Schmerz einen Moment lang nachläßt. Stift und Papier trage ich stets bei mir. Der Schmerz kommt wieder. Ganz gewiß.
Ich zähle meine Schritte. Siebzehn bis ans Ziel. Öffne die Schublade, entnehme das Messer. Ich werfe das Ding ins Spülbecken, drehe den Wasserhahn auf und beobachte wie kühles Nass über die Klinge fließt. Schärft es die Klinge oder stumpft es sie ab? Ich habe Zeit, ich kann warten.
Mutters Augen werfen mattes Licht gegen die Wand. Mit eisigen Fingern zeichne ich die Konturen meines Schattens nach. Einen Schatten umarmen heißt nicht ihn zu lieben. Ihn zu schlagen nicht ihn zu hassen. Ich ergreife das Messer, hacke tote Wurzeln von meinen Füßen. Der Schatten bleibt.
Letzten Endes ist es müßig nach Antworten zu suchen, wenn man die richtige Frage nicht weiß. So fange ich an zu verstehen und vertraue auf den stillen Klang Deiner Stimme.
Die Phrasen werden bunter.
Es ist an der Zeit zurückzukehren. Die Oase ist vernichtet. Der Ruhepunkt zerstört. Laß uns die Trümmer verbrennen und in der Asche ein neues Fundament legen.
Ich stehe in der Dunkelheit, gegen die Wand und meinen Schatten gelehnt.
Der Tag läßt auf sich warten.

Tagwerk

Nun stehe ich wieder außerhalb meiner selbst, in der Realität. Ich gestatte mir meine Fassaden nicht mehr. Zu leicht gewinnen sie die Oberhand und verdrängen mich in den Hintergrund. Gut, daß ich nicht schauspielern kann. Könnte ich es, wäre ich längst entlarvt.
Ich fege welke Pflanzenteile zusammen. Werfe einen nüchternen Blick in den Spiegel. Öffne das Fenster, lasse frische Luft hinein und Raben hinaus in die Freiheit fliegen. Ein letzter, heiserer Ruf, dann gehen sie freudig auf die Jagd.
Fetzen längst vergangener Gespräche dringen an mein Ohr, lassen mich schmunzeln, nur weiß ich nicht warum. Vielleicht weil ein neuer Tag vor mir liegt. Und mir das Leben leichter von der Hand geht.
Ich schreite den Flur bis zur Wohnungstür ab. Die Wände flüstern raschelndem Laub gleich. „Du hast Zeit.“ Meine Händen fahren beschwichtigend über den bloßen Stein. Ich glaube Euch. Doch kein Grund sich nicht zu beeilen.
So schlage ich die Wohnungstür hinter mir zu. Ich grüße einen Nachbarn im Hausflur. Er zögert, als sähe er mich zum ersten Mal, bevor er meinen Gruß erwidert. Es bedarf keiner Wandlung mehr. Auch ohne Maske bin ich fähig, der Stadt mein Gesicht zu zeigen.
Meine Füße geben mir Halt auf ebenem Boden und folgen ihrem eigenen Weg. Ich bin längst nicht mehr auf der Suche, als ich die Orte der Vergangenheit aufsuche, um ihrem Klang nachzuspüren.
Zu lange habe ich dem Weltenklang nicht mehr gelauscht. Jenem steten Rauschen in eigentlicher Vielfalt. Doch meine Ohren erinnern sich.
Auch die anderen Sinne erwachen wieder, aus langem betäubenden Schlaf. Ich hebe ein Stück Papier vom Boden auf. Reibe es zwischen meinen Finger, fühle seine Struktur. Materie.
Meine Wunden beginnen zu heilen und Narben habe ich nie verabscheut. So sehr sie schmerzten, so sehr formten sie mich auch.
Ich hinterlasse einen Schweif von Hoffnung auf meinem Weg. Samen in rotkaltem Glanz. Menschen essen, atmen sie. Sie wundern sich. Doch verlangt es sie nicht nach Fragen.
Nur ein kurzer Moment der Unachtsamkeit. Knapp kann ich mich selbst stoppen, der Lastwagen rast an mir vorbei. Doch Du, mein getreuer Schatten, warst ebenso unvorsichtig. Du kollidierst mit mir. Die eine Sonne und tausend weitere explodieren. Grelles, seichtes Licht umflutet mich. Und Du bist fort, entfliehst in mein Inneres vorm blendenden Licht. Aber eines Tages wird das Gleißen schwächer werden. Dann wirst Du wieder hier sein. Und lächeln.

6.12.04 – 21.02.05

Dich gibt es ja nicht. Das erfüllt mich mit einem gewissen Gefühl von Bedauern , denn gäbe es Dich, würde ich Deine Dienste gerne in Anspruch nehmen.
Du könntest mir ein paar Worte und Sätze geben, die beschreiben können. Ein Wort, das beschreibt, wie es sich anfühlt, wenn Wind über Haut streicht. Das es so gut beschreibt, das man es nachfühlen kann, ohne es selbst erlebt zu haben.
Denn niemand hat Worte, die das vermögen. Nicht ich, noch irgendjemand, den ich je getroffen habe. Ich hatte immer ein klein wenig auf Dich gehofft, was diese Angelegenheit betrifft. Aber bis jetzt bist Du noch nicht hier aufgekreuzt. Also habe ich es aufgegeben auch noch Dich zu suchen.
Ich suche nur noch Worte, die Dinge beschreiben können. Und weil ich keine geeigneten in den alten finde, die das vermögen, denke ich mir neue aus. Alberne Neologismen wie Flexibilimente. Ich habe nichts gefunden, was sonst auch nur ansatzweise fassen könnte, was ich hier mache und wie es sich in meiner Haut anfühlt. Wenn ich raus gehe und Worte suche. Und überprüfe wie die alten funktionieren.
Ich habe herausgefunden, daß Worte wie „Liebe“, „weich“ und „Schmerz“ nichtssagend sind. Sie haben sich selbst überlebt. Irgendwann hatten sie einmal Macht. Aber seitdem ist viel Zeit vergangen. Sie wurden zu oft gebraucht, falsch gebraucht. So daß man sich nicht sicher sein kann, was gemeint ist, wenn einer Worte wie „Liebe“, „weich“ und „Schmerz“ gebraucht.
Deshalb probiere ich die Dinge aus, mache meine Flexibilimente. Ich gehe hinaus und versuche die Worte und meine Gefühle zu synchronisieren. Ich taste Liebe, atme Musik, lecke Lust. Berste in Schmerz, weine Hoffnung, tanze Angst.
Und dann sitze ich meist nach getaner Arbeit auf meinem Bett und bin enttäuscht, weil meine Gefühle und Empfindungen nicht an die Bedeutung der Worte heranreichen.
Warum redet einer von Liebe, wenn es mir nicht den Boden unter den Füßen wegzieht? Was ist Angst schon, wenn sie nicht lähmt? Der Schmerz vermag es nicht, mir Stücke aus der Seele zu reißen und die Lust hat nur salzig geschmeckt.
Ich bringe Worte nicht mehr mit den Empfindungen in Verbindung, die sie beschreiben sollen. Denn die meisten Worte sind nur leere Versprechungen.
Nur manchmal – ganz selten – aber es geschieht, ist das Gegenteil der Fall. Dann werde ich überwältigt und das Gefühl schleudert mich gegen jedes Hindernis. Und ich finde keine Worte, die dem Gefühl gerecht werden.
Genau in diesen seltenen Fällen könnte ich Dich ganz gut gebrauchen. Und wenn es Dich doch gibt, meld Dich doch bei mir. Ich würde gerne mit Dir um ein, zwei Sätze feilschen. Du weißt ja, wo Du mich findest.

15.07.2005

Mir ist ein Buchstabe auf der Tastatur abhanden gekommen. Das ist schon irgendwie komisch. Ich stand heute morgen auf, kochte mir einen Kaffee und setzte mich nach der Morgenzigarette, meinem Frühstück, an den Computer, begann zu arbeiten, Texte zu schreiben. Ich bin ein Mensch der schreibt, ohne auf den Monitor zu schauen. Aber wenigstens neige ich dazu, im nachhinein zu korrigieren. Und dann stachen mir schon die Wortwirrungen ins Auge. Es ist nicht so, daß die Taste einfach defekt ist. Sie ist nicht mehr da. Hat sich aus dem Staub gemacht. Ist unauffindbar.
Nun ist es Sonntag und ich kann nicht ins nächste Geschäft fahren und mir eine neue Tastatur kaufen. Aber bis heute Abend muß ich die Texte abschicken. So mußte ich ohne diesen einen Buchstaben zurechtkommen.
So schwer, wie sich das im ersten Moment anhört, ist es gar nicht. Es ist ja nur ein Konsonant. Ansonsten hätte ich echte Schwierigkeiten gehabt. Aber ich habe bemerkt, daß ich diesen Buchstaben gar nicht benötige. Ich habe zwanzig andere Konsonanten und eine ganze Menge verschiedener Worte zur Verfügung. Für fast jedes Wort mit diesem einem Buchstaben  findet sich Ersatz. Und zur Not kann man hübsch umschreiben. Ich bin mir sogar sicher, daß es niemand bemerkt. Daß wenn ich das jemandem gegenüber erwähne, er in meinen Texten erst danach suchen muß.
Es ist sogar denkbar, daß es mir damit besser geht. Daß ich nicht mehr so unbesorgt die Worte um mich werfe. Daß ich, wenn es auch etwas mehr Arbeit macht, bewußter mit der Sprache umgehe und anfange mich einfacher auszudrücken.
So dachte ich mir das zumindest. Aber es gibt Worte, die zu denen hat man eine kuriose Zuneigung. Man benutzt sie oft, auch wenn man überrascht über diese Entdeckung ist. Und nun ja, einige dieser Worte, die ich so gern verwende, müssen ausgerechnet diesen einen Buchstaben in sich tragen.
Aber ich werde mich schon daran gewöhnen. Ich werde mir keine neue Tastatur kaufen. Ich werde diese hier umhegen und aufpassen, daß die anderen Buchstaben nicht auch noch verschwinden. Und den einen, der weg ist, werde ich weitersuchen und wenn ich ihn nicht finde, in guter Erinnerung bewahren.

27.07.05

Es dauerte nicht lange vom Zeitpunkt der Explosion bis ein erster Bericht den General erreichte.
„Ein Explosion am Haupttor, Sir. Vermutlich ein Anschlag, noch kein Bekenner. Vier Soldaten wurden getötet.“
Der General schloss die Augen und atmete langsam aus: „So, eine Schande.“
„Ja, Sir. Aber die Situation ist unter Kontrolle. Die Verletzten sind auf dem Weg ins Krankenhaus und die Basis wurde gesichert.“
Der General blickte aus seinem Büro hinüber zu den Rauchsäulen, die Arme auf dem Rücken verschränkt. Der junge Offizier konnte nur sein Profil erkennen. Versteinert, ohne die geringste Regung.
„Befehle, Sir?“
„Vier Tote?“
„Ja, Sir.“
„Schande. Zwei wären besser.“
„Sir?“
„Die Menschen.“, antwortete der General knapp und fuhr dann fort. „Die Menschen. Sie können sich die Namen von ein, zwei toten Soldaten merken. Von Helden. Und sie trauern um sie und verstehen, wie wichtig dieser Krieg ist. Vier jedoch. Zuviel. Leider. Wenn wir allerdings mehr Tote hätten… das sieht dann schon wieder ganz anders aus. Das ist ein größerer Verlust, da braucht man keine Namen. Nur aufrichtige Wut. Acht ist eine gute Zahl. Ja, acht. Veranlassen Sie alles Nötige.“
„Sir?“, der junge Offizier verstand nicht.
„Junge. Die öffentliche Meinung ist extrem wichtig. Wichtiger als das Wohl des Einzelnen. Krieg bedeutet nun mal Opfer. Nehmen Sie ein paar der jungen, nicht gerade von den Frischlingen, aber welche, die erst ein paar Wochen hier sind.“
„Wir sollen sie exekutieren?“
„Exekutieren! Exekutieren! So ein hartes Wort. Nein, natürlich nicht. Lassen Sie sich von den Ärzten irgendwas geben. Die haben ganz angenehme Lösungen. Die Wunden können Sie ja später zufügen, aber es soll wirklich so angenehm wie möglich für die Jungs sein.“
Der Offizier schluckte. Es war kein Widerspruch in der Stimme des Generals. Die öffentliche Meinung. Die war wichtig. Das brachten sie schon den Rekruten bei.
„Jawohl, Sir.“

„Sir, alle Befehle ausgeführt. Wir haben der Presse die korrigierten Daten übermittelt.“
Der General stand noch immer am Fenster. Es waren keine Rauchsäulen mehr zu sehen, nur etwas mehr Betriebsamkeit auf der Basis als sonst.
„Haben Sie die Liste der Getöteten?“
„Ja, Sir.“, und reichte ihm die Papiere.
„Schande. Das sind ja nur Männer!“
„Ja, Sir.“
„Zu schlecht. Das macht sich nicht gut. Die Menschen brauchen immer auch Frauen. Schließlich haben wir auch Frauen hier, oder? Sie wollen auch ein tragisches weibliches Element. Heldinnen, nicht nur Helden.“
„Soll das heißen, wir sollen noch eine Frau exekutieren, Sir?“, es klang flehend, so als wollte er sich irren. Nur etwas falsch verstanden haben.
„Nein, nein. Fünf, fünf wäre eine gute Zahl. Fünf tapfere Soldatinnen, die für ihr Land gestorben sind. Und nehmen sie auch noch drei Männer. Für das Verhältnis. Sonst ist es nicht realistisch.“
„Acht? Noch acht?“
„Ja, Junge.“

„Alle Befehle… ausgeführt, Sir.“
„Gute Arbeit, mein Junge. Das werde ich lobend in ihrer Akte erwähnen. Abtreten.“
„Sir?“
„Was denn noch?“
„Eine Meldung aus dem Krankenhaus. Es ist noch einer der verletzten Soldaten gestorben, Sir.“, sagte der Offizier und erwartete ein…
„Schande. Ungerade Zahlen. Das ist so eine Sachen, Junge. Die Statistiker haben keine Ahnung warum, aber ungerade Zahlen gefallen den Menschen überhaupt nicht. Sie akzeptieren viel, aber ungerade Zahlen nur in Ausnahmefällen.“
„Ein Soldat?“
„Schande, nein. Knapp zwanzig, das ist doch nichts halbes oder ganzes. Nehmen Sie neun. Sechsundzwanzig ist so eine wunderbar ungewöhnliche Zahl. Die merkt man sich gut und da liegt kein böses Omen drauf.“
„Aber Sir, wir können das doch nicht… ich meine, die eigenen Leute. Das sind doch schon viel mehr als überhaupt…“
Der Offizier fuhr herum. Seine Augen funkelten wütend: „Ja, was denken Sie denn, Junge, wer das hier alles bezahlt? Das sind die Menschen. Und die wollen nun mal nicht jede Zahl, die man ihnen auftischt. Die wollen bestimmte Zahlen und Verhältnisse. Da können wir nichts machen, die Meinungen sind nun mal so. Die wollen auch unterhalten werden, sonst war es das mit dem Krieg und der Freiheit. Denken Sie doch mal daran!“
„Ja, Sir.“, er war kleinlaut und ängstlich. Aber er ging schon im Kopf die Liste für die möglichen Opfer durch.

„Sir, alle Befehle ausgeführt. Der Mann von unserer Presseabteilung ist jetzt da.“
„Schicken Sie ihn rein.“
Der Presseabteilungsmann wurde mit Handschlag begrüsst, man kannte und schätzte sich.
„Übel, übel. Ich hab gehört, es hat Opfer gegeben. Wie viele haben wir denn jetzt?“
„Ja, wir mussten da ein wenig modifizieren. Die Zahlen und Verhältnisse, immer dasselbe. Das kennen Sie ja. Es sind jetzt sechsundzwanzig.“
„Sechsundzwanzig? Zu schade. Das ist keine gute Zahl.“
„Nicht?“
„Nein, die Statistiker sind da auf ein paar neue Phänomene beim Meinunsverhalten gestossen. Alles über fünfundzwanzig ist schlecht, sehr schlecht sogar. Um nicht zu sagen eine Katastrophe.“
Der General nickte verständnisvoll. Das konnte er verstehen. Alles über fünfundzwanzig war schon eine ganze Menge.
„Kann man da denn überhaupt nichts machen?“
Der Presseabteilungsmann winkte ab: „Natürlich, natürlich. Es gibt für alles eine Lösung. Der Krieg ist gesichert, das steht ausser Frage. Die Statistiker haben festgestellt, dass alles bis fünfzig kein Problem ist, wenn auch ein ranghoher Offizier mit draufgeht. Da bekommen die Menschen nicht das Gefühl, dass immer nur die Kleinen sterben.“
Er klopfte dem General wohlwollend auf die Schulter: „Und Sie müssen sich auch überhaupt keine Sorgen machen. Sie wissen ja, unsere Ärzte haben da ganz angenehme Lösungen.“

27.02.07

Vor einiger Zeit verhedderte ich mich mitten in einer zugegebenermaßen belanglosen Konversation. Ich versuchte meinem eigenen Gedankengang zu folgen und mich an den Wortketten, aus denen Sätze und dann später Argumente werden, entlangzuhangeln. Ich stolperte, stotterte ein wenig herum und brach dann verwirrt kurzerhand das Gespräch ab.
Denn es stimmte nicht mehr. Ich hatte wohl schon zu einem früheren Zeitpunkt angefangen, die Wortketten neu zu verbinden und vor meinem inneren Auge bildeten sie nun gitterförmige Strukturen. Ich hatte die eindimensionalen Wortstränge hinter mich gelassen und war unversehens auf dem neuen ungewohnten zweidimensionalen Wortparkett ausgerutscht. Ich betrachtete die Gitter etwas ungläubig. Sie schienen nicht wirklich Sinn zu ergeben und dennoch, wenn ich mit den Fingerkuppen über die einzelnen Worte strich, ich ihrem Klang nachspürte und vorsichtig an ihnen schnupperte, dann ergaben sich ganz neue Sinnesebenen. Die Worte bildeten untereinander fremde Bedeutungsebenen, die Leerräume waren angefüllt mit noch nicht erfundenen Wortzygoten. Auch wenn ich das ganze noch nicht verstand, gefiel mir diese neue Struktur und ich knüpfte neue Gitter, Netze aus Worten.
Doch bald stellte ich fest, daß Wortstränge einfach auszusprechen sind, denn auch der Redefluß ist eindimensional. Wie aber sollte ich verbal Netze in ein Gespräch werfen. Sie aufzuschreiben und meinem gegenüber in Zettelform zu geben, stieß weder auf Verständnis noch auf Gegenliebe.

Wort Wort Wort Wort Wort

Wort Wort Wort Wort Wort

Wort Wort Wort Wort Wort

Wort Wort Wort Wort Wort

Ich mußte wohl eine andere Möglichkeit der verbalen Artikulation finden. Ich verband probeweise zwei Worte miteinander und siehe da, man verstand meine, wenn auch seltsam anmutenden, Neologismen. Ich ging zaghaft einen Schritt weiter, nahm noch ein Wort und scheiterte kläglich. Flexibel. Mobile. Experimente. Flexibilimente. Nun ist es nicht schwer, darin ein flexibles Experiment zu erkennen. Manch einer sieht vielleicht auch noch die Beweglichkeit eines Mobiles. Aber wer würde je auf die Idee kommen, daß ich unweigerlich mit einem Mobile Messingtürknäufe assoziiere?
Ich grübelte weiter über meine Netze nach, versuchte in ihnen ein Muster zu erkennen. Ich begann mich der Mathematik zu bedienen. Ordnete Buchstaben Zahlenwerte zu. Addierte, subtrahierte. Zog Wurzeln und bildete Potenzen. Vielleicht barg sich hinter dem Wortwirrwarr ein Art phonetischer Satz des Pythagoras. Ich entwickelte gewisse Vorlieben zu einzelnen Zahlen, die sich immer wieder in meinen Netzen verfingen. Doch schlau wurde ich daraus nicht. Auch fiel mir ein Satz ein, den meine Deutschlehrerin damals sehr gern benutzte: “Die Mathematiker stehlen uns Buchstaben um Zahlen zu erklären, die sie selbst noch nicht gefunden haben.” Hatte ich nicht genau das gleiche gemacht.
Ich sah etwas resigniert ein, daß meine Gitter nicht zu definieren waren. Daß sie auch nicht für den alltäglichen Sprachgebrauch zu gebrauchen waren. Wozu dann aber?
Ich besah sie mir genauer, noch genauer. Netze. Wortnetze. Mir wurde klar, daß ich nach etwas fischte. Nur was, war mir nicht bewußt. Gefühle? Nun, die hat man oder nicht, Worte sind kein adäquates Mittel sie zu umschreiben. Ebenso verhält es sich mit Momenten. Mir kam der Gedanke, daß ich wohl schöne Netze hatte, selbst aber ein verdammt schlechter Fischer sei. Einer, der nicht einmal wußte, wonach er fischte. Wahrscheinlich würde mir irgendwann ein Delphin ins Netz gehen und ich würde ihn für einen Thunfisch haltend ohne schlechtes Gewissen verspeisen.
Abgesehen davon, ist mir bis jetzt auch noch nichts ins Netz gegangen. Vielleicht habe ich die Worte noch nicht richtig angeordnet, oder die Zwischenräume sind zu groß und alles entschlüpft mir. Ich werde wohl noch ein wenig an ihnen arbeiten und darüber nachdenken, was ich eigentlich fangen will. Bis ich das herausgefunden habe, werfe ich die Netze blind aus. Und wer weiß, vielleicht lasse ich auch eines Tages die Zweidimensionalität hinter mir und ich beginne Wortreusen zu bauen. Dann fange ich bestimmt etwas brauchbares.

Als Anna den Brief vom Amt für Geburtenkontrolle in ihrem Postfach vorfand, wußte sie, daß ihr Kind sterben würde. Sie öffnete den Brief erst gar nicht, sondern griff nach ihrem Ausweis und dem Koffer, den sie vorsorglich für diesen Tag gepackt hatte.
Sie schleppte ihren aufgedunsenen Körper zurück die Treppe hinunter und die Straßen entlang. Die Sonne brannte unbarmherzig auf ihren Kopf und den schwangeren Bauch.
Mit der Elektrischen waren es nur noch wenige Minuten bis zum alten Amtsgebäude. Stöhnend gewahrte Anna den unzähligen Frauen, die in mehreren Schlangen vor dem Wolkenkratzer warteten. Erschöpft stellte sie sich ans Ende der, wie ihr schien, kürzesten Schlange. Etliche Wächter gingen auf und ab, beäugten die Frauen argwöhnisch.
Ein Wächter geringen Ranges zog die Augenbrauen zusammen, als Anna in sein Blickfeld geriet. Sie versuchte sich klein zu machen, was angesichts ihres gewaltigen Bauches schier unmöglich war. Der Wächter kam näher und Anna schossen  alle möglichen Gesetze durch den Kopf, die sie gebrochen haben könnte.
„Sie da!“, rief der Wächter mit jungenhafter Stimme. „Sie müssen nicht hier draußen warten!“
Er streckte den Arm aus. Anna zuckte unwillkürlich zusammen, einen Schlag erwartend. Doch der Wächter griff nur nach ihrem Koffer. Er trug ihn zu einem kleinen Seiteneingang, während Anna ängstlich folgte. Seine Freundlichkeit irritierte sie.
Im Gebäude war es angenehm kühl, anders als auf der Straße oder in ihrem Zimmer.
Der Wächter führte sie durch kalte Gänge bis in den vierten Stock. Vor einer schweren, schwarzen Tür standen weitere hochschwangre Frauen.
Nach und nach ertönten Namen durch den Flur. Schweren Schrittes gingen die Aufgerufenen durch die Tür, wohlwissend was dahinter lauerte. Schließlich: „Anna Kurkova.“
Anna vergeudete keine Tränen, wie die meisten Frauen. Sie nahm ruhig ihren Koffer und betrat den Raum. Dunkelgrün gekachelt, ein Tisch, ein finsterer Mann: „Ausweis!“
Anna gab ihm das fälschungssichere Stück Plastik.
„Im wievielten?“
„Achter.“
„Ah ja, Vater?“
„Marek Kurkov.“
„Wo?“
„Tot.“
„Wann?“
„Vor einem halben Jahr. Bei der Revolte.“
Der Mann hob die Augenbrauen: „Wächter?“
„Nein, Aufständler.“
„Das erklärt einiges. Sie haben ein illegales Kind.“
Anna schwieg.
„Haben Sie aufgehört Ihren Dienst zu verrichten?“
„Nein!“, antwortete Anna energisch.
„Wo arbeiten Sie, wielange?“
„Siemens. Fließband. Zwölf Stunden, sieben Tage die Woche.“, ihre Stimme war nicht ohne eine Spur von Stolz.
Der Mann starrte auf ihren Bauch: „Gut, Sie sind hier, damit wir entscheiden können, ob Sie Ihr Kind behalten dürfen. Dazu müßte ich es aber sehen.“
Anna nickte zögerlich. Sie knöpfte ihre Bluse bis über den Bauch auf und griff hinein. Vorsichtig zog sie das gläserne Kästchen, in dem ihr Ungeborenes lag, aus dem geschwollenen Fleisch und stellte es behutsam auf den Tisch.
Der Mann betrachtete es neugierig von allen Seiten, machte seine Notizen.
Schließlich blickte er auf.
„Abgelehnt!“, und schleuderte das Kästchen gegen die Wand, die anzublicken Anna bisher vermieden hatte.
Sie mochte nicht noch mehr Blut sehen.

Ursprünglich aus dem Jahr 2000.

-Fragment-

Kaffeesatzstarrende Teetassen türmen sich in meinem Hinterstübchen. Licht fällt. Durch meine Augenlider sehe ich durch Dich hindurch und staune. Deine Teetassen haben dasselbe Muster.
Die angelaufenen Fugen der Fliesen, dort rund um die Spüle, tragen meine Gedanken weiter. Fuge. Fügung. Verfügen. Du verfügst über mich. Nur was mich nachts manchmal dazu bringt mit wild pochendem Herzen aufzuwachen ist.

In Deiner Abwesenheit tust Du es mehr.

Ich sitze auf einer dünnen Schaumstoffmatratze. Die Matratze liegt auf Betonplatten. Der ehemalige Innenhof eines ehemaligen Fabrikgeländes. Die Gebäude sind verfallen. Und die Sonne wirft letzte wärmende Strahlen auf die Bruchstücke und uns, die wir hier warten.
Ich fühle mich an mein jüngeres Selbst erinnert. Ich habe lange nicht mehr auf einer dreckstarrenden Schaumstoffmatratze gesessen und gewartet, dass etwas beginnt. In diesem Fall, eine Veranstaltung zweifelhafter Art, von jemandem mitgenommen, den ich kaum kenne.
Später werde ich in einem kleinen abgetrennten Raum abseits der Fabrikhalle sitzen. Die Party wird noch nicht ganz angefangen haben und ich sitze nur da, weil es überall sonst zu dunkel sein wird, man vergessen hat Kerzen zu kaufen und die Schwarzlichtbeleuchtung in diesem Raum mir die einzige Möglichkeit sein wird, zu erkennen, was ich schreibe.
Natürlich werde ich schreiben wollen. Ich finde fast immer eine Nische, einen Hohlraum, ein Exil abseits der anderen, um zu schreiben.
Aber in diesem Raum, umnebelt vom Duft indischer Räucherstäbchen, nach zu viel Essen und zu viel Alkohol aus unbeschrifteten Flaschen. Eingehüllt in die Drogenausdünstungen der anderen, werde ich mich verlieren. Ich werde nicht schreiben. Ich werde mich irgendwann dabei ertappen, dass ich zwei Stunden auf einen schmalen Streifen zwischen zwei der Schwarzlichtbilder gestarrt haben werde. Entweder dies oder die Zeit wird einen Sprung getan haben. Aber dann hätte ich nicht realisieren können, wie die Musik vom Keller durch den Boden die Wände hinaufkriecht, über meinen Körper in mein rechtes Ohr. Um nach übelerregendem Wirbeln in meinem Kopf aus meinem linken Mundwinkel zu tropfen wie zäher Schleim.
Das wird an diesem Abend natürlich nicht das einzige bleiben. Irgendwann werde ich zum Tresen gehen. Und da wird sie stehen. An dem Topf und an der tragbaren Heizplatte. Und sie wird sich vor meinen Augen in eine alte, hässliche Frau verwandeln. Sie wird mir mit zahnlosem Lächeln einen Becher Tee reichen und ich werde. Ich werde lächeln.
Dann bin ich im Keller und tanze mit ihr und ich. Ich werde. Die harten Bässe tanzen, die mir die Beinknochen brüchig wie Asche zertrümmern. Sie wird die sanfte Melodie tanzen und geschmeidig wie eine Wolke die Form verändern.
Zwischen fluoreszierenden Spinnenweben und Neonraupen. Und wir werden uns ergänzen und es wird nicht gut sein. Dann wird mein Blick auf einer Lücke in der Dekoration verharren, die die Mauer preisgibt.
Dann werde ich mich in meinem Bett wiederfinden und mich fragen wo die letzten dreihundert Kilometer geblieben sind. Ich werde mich an den Keller erinnern und mir wird bewusst werden, dass das nicht nur irgendein Fabrikkeller gewesen ist, sondern dass dieser Keller jemandem gehört. Dass das ein fremder Keller ist.
Dadurch werde ich mich vorher an das Vorher erinnern.
Ich sitze auf einer dünnen Schaumstoffmatratze. Die Matratze liegt auf Betonplatten. Der ehemalige Innenhof eines ehemaligen Fabrikgeländes. Und ich erinnere mich an all die Dinge, die geschehen werden. Aber ich entschließe, dass es heute anders sein wird.
Weil ich in Kellern wühlen werde. In fremden Kellern.

Nächste Seite »