Morgengrauen
Dieser Morgen war anders als sonst. Es erschien mir, ich wäre aus einem Alptraum erwacht, voller Gänge und Türen. Einem Alptraum, der keinen Sinn ergab, aber solange ich noch träumte, wurden mir tausend Wahrheiten entpackt, die ich alle sämtlichst im Moment des Erwachens vergaß.
Ich hasste solche Träume. Das Gefühl, das sich unweigerlich einstellte, etwas unendlich kostbares verloren zu haben, übertrug sich schleichend auf den Körper und faulte eifrig vor sich hin.
Selbst der kühle Boden unter meinen Füßen, als ich durch den Flur schlurfte, konnte die Fäulnis nicht vertreiben.
Der Kaffee schmeckte schal, als wäre er nur noch die bloße Erinnerung an sich selbst. So war auch hier kein Trost zu erwarten.
Dann gab es nur noch eins. Ich schlug die Wohnungstür hinter mir zu. Zögernd tapste ich die Treppe hinunter und in der Enge des Hauses vollzog sich eine übelerregende Wandlung. Ich kehrte mein Innerstes nach Außen und so stolperte ich schönheitstechnisch von hinten zerhackt, von vorne ausgespien auf die Straßen dieser Stadt.
Mir begegnete die übliche Anzahl von Menschen oder zumindest das, was von ihnen übriggeblieben war. Denn nun schienen sie mir wie Spiegelbilder meines Ichs. In unterschiedlichen Formen und Größen.
Als ich mir noch Gedanken machte, ob dies ein allgemeines Phänomen und es mir bisher nur nicht aufgefallen war, rumorte in der widerspenstigeren meiner beiden Gehirnhälften eine seltsame Idee.
Was wenn ich noch träumte? Wenn ich die tausend Wahrheiten nicht vergessen, sondern noch nicht entdeckt hatte? Dann wäre es einfach, einfach zu warten und nicht hochzuschrecken, sondern die Augen aufzuschlagen und Erleuchtung zu erlangen. Ich könnte durch die Welt gehen und mein Innerstes wäre dort, wo es hingehörte, in meinem Körper. Und die übliche Anzahl von Menschen sähe normal aus, so wie ich es erwartete. Und die Welt wäre in Ordnung.
Spätestens jetzt kam mir der Gedanke, ob es nicht doch ratsamer wäre, den einen oder anderen Psychiater aufzusuchen. Nicht unbedingt um der Therapie Willen. Eher wegen dieser kleinen, weißen und sauberen Pillen, die eine interessante Alternative zu meiner doch bedenklichen Gedankenwelt boten.
Ich blickte mich um und erkannte erstaunt, wohin mich meine Füße getragen hatten. Hinter mir lag dieser dreckige, unordentliche Organismus Stadt, der mir so seltsam vertraut angst machte, mit seinem Chaos.
Und vor mir? Ich war den Weg gegangen zum Ruhepunkt, zur Oase. Und Du standest einfach nur da und lächeltest.
Abenddämmerung
Die Oase ist vernichtet, der Ruhepunkt zerstört. Ich torkele auf die Straße. Meine Beine, zwei eigene Persönlichkeiten, wissen nicht wohin.
Also halte ich inne, atme tief durch und lecke meine Wunden und Dein Blut von meinen Krallen.
Ich lache, denn zu was anderem sollte ich noch fähig sein? Verwandelt sich der Asphalt unter mir doch in einen Spiegel. Unendlichfach reflektiert, mein jüngeres Selbst, das mir grinsend voller Verachtung ins Gesicht speit. Anstatt mich selbst in den Arm zu nehmen und zu trösten, flüchte ich, nun nicht mehr torkelnd, von diesem Ort.
Ich sehe mit Hoffnung in den Himmel, bin umringt von Raben. Mir die Augen auspickend, weisen sie den Weg.
So blickt mich die übliche Anzahl von Mitexistenzen verwundert an. Schweigend schleudere ich ihnen Worte entgegen. Ich konfrontiere sie mit Wissen, sage ihnen, wie es ihnen geht. Tausend Wahrheiten wurden mir entpackt, doch keine für mich, nicht ein einziges stummes Wort.
Ich beherrsche nicht einmal mehr meinen Körper. Autark reagiert er. So trage ich den Namen Espenlaub stur vor mich hin.
Warum nur muß heute alles so friedlich aussehen? Die Sonne wirft schillernde Farben gegen die Häuserwände. Ich registriere. Ich analysiere. Es ist mir egal.
Samen fallen aus meinen Händen, schlagen samtig weich auf den Boden auf und keimen in rotglühender Pracht. Ich zertrete diese bluttriefenden Stücke Fleisch. Selbst Raben kehren irgendwann zurück. Sie haben ihr Fressen gefunden.
Die Stadt ist ein Organismus. Die Menschen ihre Blutzellen, die Straßen ihre Adern. Sie gebiert sich aus sich selbst, bildet jeden Tag neue Auswüchse und Furunkel. Es sterben Zellen, neue werden geboren. Stinkendes, klebriges Blut, ohne das sie nicht leben könnte. Und ich bin die Krebszelle, die dem System entfliehen kann.
Mächtig, hast Du gesagt, wäre ich. Kann es sein, dass Du Dich da irrst? Ich werfe mit Phrasen um mich, ohne Klarheit zu finden. Zittere, ohne mich zu beruhigen. Spreche, ohne etwas zu sagen.
Ich ruhe in mir, schaffe Ausgleich. Doch das ist längst nicht mehr genug. Der Weg nach dem ich suche, ist nicht vorgegeben. So stochere ich in alten wie frischen Wunden und wundere mich, dass ich nicht blute.
Es ist an der Zeit zu verarbeiten. An der Zeit, Antworten zu finden, die auch für mich gelten.
Die Abenddämmerung senkt sich über mich.
Ich bin beglückt am Boden zerstört, gehe nach Hause und erwarte den nächsten Tag.
Nachtgedanken
Der Tag läßt auf sich warten.
Die Nacht umfängt mich in heuchlerischer Liebkosung. Einzig schlafen kann ich nicht. Ich liege wach, mein Herz rast, genau wie meine Gedanken.
Die Dunkelheit vermag nicht zu erschrecken. Ich stehe auf, registriere, daß Wurzeln aus meinen Füßen sprießen, sich im Boden verankern wollen. Ich schleife sie achtlos mit mir. Nur leblose Anhängsel meiner selbst.
Ich wandere zum Fenster, blicke hinaus. Mutter Stadt schaut mich aus zahllosen, leuchtenden Augen an. Doch so warm ihr ruhender Blick auch sein mag, ich sehe sie nicht mehr. Vor mir liegt ein unendliches Meer. Warte auf das leise Raunen, bevor ich Hände auf meinen Schultern spüre. Hände, die zu Sanftmut fähig sind, mich nun die Klippe hinunterzustoßen drohen. Doch ich ruhe in mir und erwidere das Lächeln.
Zumindest die Raben scheinen jetzt versöhnlich. Sie schmeicheln mir in Abwesenheit. Ihr Schlaf ist ruhig.
Welcher Drang ist es, der mich immer wieder zurückführt? Zur Zerstörung, zur reinigenden Kraft des Feuers? Warum nur sind …
Ich halte inne. Setze den Stift ab. Nur ungeordnet bringe ich Gedanken zu Papier. Ich drehe mich im Kreis. Ich ersticke Antworten mit Fragen. Sammle Wörter. Lange Ketten, bis ich genug habe und der Schmerz einen Moment lang nachläßt. Stift und Papier trage ich stets bei mir. Der Schmerz kommt wieder. Ganz gewiß.
Ich zähle meine Schritte. Siebzehn bis ans Ziel. Öffne die Schublade, entnehme das Messer. Ich werfe das Ding ins Spülbecken, drehe den Wasserhahn auf und beobachte wie kühles Nass über die Klinge fließt. Schärft es die Klinge oder stumpft es sie ab? Ich habe Zeit, ich kann warten.
Mutters Augen werfen mattes Licht gegen die Wand. Mit eisigen Fingern zeichne ich die Konturen meines Schattens nach. Einen Schatten umarmen heißt nicht ihn zu lieben. Ihn zu schlagen nicht ihn zu hassen. Ich ergreife das Messer, hacke tote Wurzeln von meinen Füßen. Der Schatten bleibt.
Letzten Endes ist es müßig nach Antworten zu suchen, wenn man die richtige Frage nicht weiß. So fange ich an zu verstehen und vertraue auf den stillen Klang Deiner Stimme.
Die Phrasen werden bunter.
Es ist an der Zeit zurückzukehren. Die Oase ist vernichtet. Der Ruhepunkt zerstört. Laß uns die Trümmer verbrennen und in der Asche ein neues Fundament legen.
Ich stehe in der Dunkelheit, gegen die Wand und meinen Schatten gelehnt.
Der Tag läßt auf sich warten.
Tagwerk
Nun stehe ich wieder außerhalb meiner selbst, in der Realität. Ich gestatte mir meine Fassaden nicht mehr. Zu leicht gewinnen sie die Oberhand und verdrängen mich in den Hintergrund. Gut, daß ich nicht schauspielern kann. Könnte ich es, wäre ich längst entlarvt.
Ich fege welke Pflanzenteile zusammen. Werfe einen nüchternen Blick in den Spiegel. Öffne das Fenster, lasse frische Luft hinein und Raben hinaus in die Freiheit fliegen. Ein letzter, heiserer Ruf, dann gehen sie freudig auf die Jagd.
Fetzen längst vergangener Gespräche dringen an mein Ohr, lassen mich schmunzeln, nur weiß ich nicht warum. Vielleicht weil ein neuer Tag vor mir liegt. Und mir das Leben leichter von der Hand geht.
Ich schreite den Flur bis zur Wohnungstür ab. Die Wände flüstern raschelndem Laub gleich. „Du hast Zeit.“ Meine Händen fahren beschwichtigend über den bloßen Stein. Ich glaube Euch. Doch kein Grund sich nicht zu beeilen.
So schlage ich die Wohnungstür hinter mir zu. Ich grüße einen Nachbarn im Hausflur. Er zögert, als sähe er mich zum ersten Mal, bevor er meinen Gruß erwidert. Es bedarf keiner Wandlung mehr. Auch ohne Maske bin ich fähig, der Stadt mein Gesicht zu zeigen.
Meine Füße geben mir Halt auf ebenem Boden und folgen ihrem eigenen Weg. Ich bin längst nicht mehr auf der Suche, als ich die Orte der Vergangenheit aufsuche, um ihrem Klang nachzuspüren.
Zu lange habe ich dem Weltenklang nicht mehr gelauscht. Jenem steten Rauschen in eigentlicher Vielfalt. Doch meine Ohren erinnern sich.
Auch die anderen Sinne erwachen wieder, aus langem betäubenden Schlaf. Ich hebe ein Stück Papier vom Boden auf. Reibe es zwischen meinen Finger, fühle seine Struktur. Materie.
Meine Wunden beginnen zu heilen und Narben habe ich nie verabscheut. So sehr sie schmerzten, so sehr formten sie mich auch.
Ich hinterlasse einen Schweif von Hoffnung auf meinem Weg. Samen in rotkaltem Glanz. Menschen essen, atmen sie. Sie wundern sich. Doch verlangt es sie nicht nach Fragen.
Nur ein kurzer Moment der Unachtsamkeit. Knapp kann ich mich selbst stoppen, der Lastwagen rast an mir vorbei. Doch Du, mein getreuer Schatten, warst ebenso unvorsichtig. Du kollidierst mit mir. Die eine Sonne und tausend weitere explodieren. Grelles, seichtes Licht umflutet mich. Und Du bist fort, entfliehst in mein Inneres vorm blendenden Licht. Aber eines Tages wird das Gleißen schwächer werden. Dann wirst Du wieder hier sein. Und lächeln.
6.12.04 – 21.02.05