Schwere Heimat
Ich habe meine Küche gelb gestrichen
mit einem Hauch von Apricot.
Hier hast Du mir die Hand aufs Knie gelegt,
da war sie himmelblau und ausgeblichen
und sagtest „Mädchen, Mädchen“.
Ich versuche heute diese Geste nachzuahmen,
doch meine Hand ist dabei furchtbar unbeholfen.
Sie fühlt sich auf Schultern so viel mehr zu Hause.
Und noch lieber gönn ich ihr auf einem Scheitel eine Pause.
Und überhaupt war es schon immer so, dass die Worte
„meine Kleine“ viel leichter über meine Lippen kamen.
Dennoch:
Ich schlage meine Beine übereinander so wie Du.
Habe das gleiche schiefe Lächeln.
Die krausen Haare, die jedem andren glatt erscheinen.
~~~
Ich habe meine Küche gelb gestrichen.
Mit neuen Bildern an der Wand.
Hier hast Du mir den Kopf zurechtgerückt.
Und unter Himmelblau, das schon verschwand,
da hieß es „Mädchen, Mädchen“.
Heute schmücken bunte Elefanten meine Kühlschranktür
und ein Sofa lädt zum Innehalten ein.
Hier liegt mein Schädel ab und an auf weichen Kissen.
Er möchte das Zurechtgerückt sein nicht mehr missen.
Und das Brummen, das vom Kühlschrank rüber weht.
Was Du mir als ich ein Kind war von der Arbeit mit nach Hause gebracht hast:
Dieses unbestimmte Gefühl von Weite, das so fremd war in unserer engen begrenzten Welt,
Deinen Aktenkoffer, mit dem ich nie spielen durfte,
den vagen Geruch von Kerosin und verbranntem Menschenfleisch,
ab und an ein Spielzeug aus fernen Ländern,
und einmal sogar, einmal sogar Amöbenruhr.
~~~
Ich habe meine Küche Gelb gestrichen,
das mittlerweile alt aussieht.
Hier hat es mir die Kehle zugeschnürt.
Das Himmelblau blieb ungerührt,
als niemand sagte „Mädchen, Mädchen“.
Seit gestern ist mein Hals auch wieder frei
und meine Stimme könnte bis zum Flur hinaus erklingen.
Doch dort lässt jemand and’res Lieder singen.
So bleibt mir nichts als leise einzustimmen.
Weißt Du:
Die Erinnerungen an Dich, die lagern hier in meiner Küche. Die Wohnung, in der ich aufgewachsen bin, trägt keine Spuren mehr von Dir. Ja selbst die Straße, auf der nicht Du mir das Fahrradfahren beigebracht hast, sieht heute so ganz anders aus. Und das Haus wurde vor fünfzehn Jahren schon komplett saniert.
~~~
Ich habe meine Küche gelb gestrichen.
Die Farbe war mir sehr egal.
Ich wollte nur das Himmelblau verwischen
und meinen Kummer gleich dazu. Doch himmelblaue Augen
hab ich und auch mein „Mädchen, Mädchen“.