Ich gehe am Kopf von Hegel vorbei und nicke ihm pflichtschuldig zu. Er schaut etwas grimmig, aber ich würde wahrscheinlich auch nicht sonderlich glücklich dreinschauen, wenn man mich nicht einmal als ganzes, sondern nur mein Haupt in Bronze gegossen und auf ein Stück Stein gehievt hätte. Und dieses Stück Stein steht noch dazu recht lieblos auf dem Platz. Kaum jemand schenkt ihm oder Hegels Kopf Beachtung.

Aber ich laufe ja nur vorbei, lenke meine Schritte in das schmale Gässchen zwischen all den großen, lauten oder zumindest gepflasterten Straßen der Umgebung. Hier pfeift der Wind nicht. Er ruht sich aus, ringt nach Luft, bevor er weiter muss. Dabei hinterlässt er den Geruch von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln und ich lächle. Nicht wegen des Zuckers oder der Mandeln, sondern wegen des Schotters. Meine Stiefelsohlen sind hauchdünn, die Füße bar und ohne Strumpf in den Schuhen. Die kleinen spitzen Schotterstückchen bohren sich durch die Sohlen in mein Fleisch.

Das streckt die Zeit und gerade hier in diesem kleinen Gässchen, das beinahe so unbeachtet wie Hegels Kopf ist, freue ich mich, dass die paar Meter mir nun länger vorkommen.

Am Ende richtet sich mein Blick kurz nach links und ich lächle den Polizisten zu, die dort in der Kälte stehen. Pro forma. Sie erwarteten es nicht und ich fühle mich hier nicht in der Pflicht. Ich muss eher immer kurz stutzen, bis mir einfällt, dass ich ja weiß, warum sie da stehen, und lachen, weil mein Vergessen und ihre Präsenz beide absurd sind. Pro forma nicke ich ihnen zu, weil das nichts weiter heißt als ›die Form wahren‹, so ungefähr jedenfalls und es mich an ›den Anschein wahren‹ erinnert und ich mir scheinbar zu viele Gedanken über Worte mache.

Weiter ab, denn wir dürfen das Geländer nicht vergessen. Einfach über die Straße und ran an das Geländer. Unter einem dann der Wassergraben und gegenüber auf der anderen Seite erheben sich die alten Bauten und davor steht sie zwischen all den Fassadenstückchen und dem Bauschutt, der bald weggekarrt wird, um zukünftige Fassadenstückchen und zukünftigen Bauschutt heranzukarren, womit sie die Bauten hübsch machen wollen. Während drin doch auch nur Tonscherben rumliegen.

Ja, da steht sie. Trotz der Kälte in dem dünnen, aber hochgeschlossenen Sommerkleidchen. Dunkelblau mit stecknadelkopfgroßen, weißen Punkten, die ich nicht sehe, aber kenne und deshalb weiß, dass sie da sind. Die störrischen Haare hat sie in zwei Zöpfe gebannt, über jedem Ohr einer und unter ihren wasserblauen Augen lächelt sich mich mit debilem Grinsen an und winkt eifrig. Ich lache, winke zurück und rufe: »Spring!«

Da springt sie, ich sehe sie noch grinsend im eiskalten Wasser, laufe über die Brücke zur Insel, über diese hinweg und die nächste Brücke rauf. Auch in diesem Wasser grinst sie und ich rufe: »Jetzt schrei!«

Da schreit sie und später steht sie dann an der Ampel plötzlich neben mir, noch immer triefnass, noch immer im Sommerkleid und ja, nun, sie schreit und grinst und winkt. So geht das den ganzen Tag. Hinter der nächsten Ecke steht sie und ringt um Aufmerksamkeit immer wieder und wieder, auch wenn ich sie eine Treppe hinunter stoße oder vor ein Auto schubse. Ich kenne das. Genauso wie die kleinen weißen Punkte auf ihrem Kleid. Es ist immer das gleiche.

Erst wenn ich dann in einem Café sitze oder einer Kneipe, sie draußen bleiben muss und gegen die Fensterscheiben klopft, während ich drinnen sitze und aufschreibe, was sie geschrien hat, dann hört sie auf zu grinsen und grad wenn ich kurz davor bin, sie zu verlieren, dann stehe ich auf.

Denn ich weiß und sie weiß, dass ich dann, wenn es auf der Straße wirklich dunkel ist und sich auf ihrer nassen Kleidung Frost bildet, ich raus gehen werde, sie an die Hand nehme.

In meiner Wohnung lächelt dann keine mehr von uns beiden, aber sie bekommt eine warme Decke, eine heiße Schokolade und das Himmelbett in meiner Besenkammer.

5.12.08