Juni 2009


Okay, vielleicht find ich es auch gerade nur so schön, weil ich gestern das Buch angefangen habe, aber ehrlich: eine Felix-Krulliade?

Zitat aus dem Spon-Artikel über den verurteiltern Anthropologen Reiner Protsch:

»Er war ein Hochstapler der Extra-Klasse. Kaum vorstellbar, dass er sich nicht eines Tages wieder mit einer neuen Felix-Krulliade zurückmeldet.«

Was werden wir dann als nächstes finden? Eine Willy-Lomaniade angesichts der Wirtschaftskrise? Eine Walter-Faberiade bei seltsamen Familienverwicklungen? Eine Läufferiade bei noch seltsameren Fällen von Selbstkastration?

Naja, das dürfte zumindest interessante Gespräche ergeben…

Fausts große Nase /fausts ‘gro:sə ‘nɑzə/ umg, belegt ab ca. 2006, im Allgemeinen ein Pejorativ bezüglich gesprochener Rede mit gleichzeitiger Abwertung des Sprechers. Oft alternativ verwendet zu »hört sich gerne reden«. Der Ursprung der Redewendung liegt vermutlich in Berlin in studentischen Kreisen. Urban legends sprechen von einem Initialgebrauch anlässlich einer Vergleichsdiskussion zu verschiedenen Faustdarstellungen in der bildenen Kunst.

Beispielhafter Gebrauch:

A: »Er hat stundenlang geredet, ohne auf den Punkt zu kommen.«

B: »Ja, das war beinahe wie Fausts große Nase.«

Da ich mit dem anderen Blog ein paar Schwierigkeiten hatte (bzw. an die Grenzen der dort gegebenen Software gestossen bin), habe ich mich dazu durchgerungen, diesen Blog wieder zu beleben.

Das bedeutet, dass ich in den letzten Tagen die neuen Beiträge von drüben hierher kopiert habe (vorwiegend erstmal die Lyrik und Prosa, eventuell kopiere ich ein paar der alten Beiträge in den nächsten Tagen auch noch), was mich dazu bringt, mich bei all jenen zu entschuldigen, die den Blog eventuell noch im RSS-Feed hatten und mit einer Vielzahl von Beiträgen bombadiert wurden.

Wie dem auch sei, jetzt bin ich wieder hier, und der Blog ist auch mit meiner Domain verknüpft.

Kopiere ruhig mein Zögern:
die Gegenwehr ist kalkuliert.
Und selbst mein beiläufiges Stöbern
in Deiner Plattensammlung funktioniert.

Auf Deinem Sofa fabulier’ und spiel’
ich sorgsam Deine Nerven.
Ich reiz Dich langsam bis zum Ziel.
Schon bald wirst Du das Handtuch werfen.

Nun strecke ich Dir meine weiße Stirn entgegen
und warte ab bis Du den nächsten Schritt ergreifst.
Dein Mund zuckt siegreich und verwegen,
als Du mit Deinem Fuß den meinen schamvoll streifst.

Wenn dann fast aus Versehen
mein Kleid den Weg zum Boden findet -
und Deine Hand möchte verstehen,
was noch mit ihrem Strich verschwindet -

dann wähnst Du mich gewonnen.
Die Wahrheit, Liebster, unter Dir
da lächle ich versonnen.
Verloren hast Du Dich in mir.

4.02.09

Ich gehe am Kopf von Hegel vorbei und nicke ihm pflichtschuldig zu. Er schaut etwas grimmig, aber ich würde wahrscheinlich auch nicht sonderlich glücklich dreinschauen, wenn man mich nicht einmal als ganzes, sondern nur mein Haupt in Bronze gegossen und auf ein Stück Stein gehievt hätte. Und dieses Stück Stein steht noch dazu recht lieblos auf dem Platz. Kaum jemand schenkt ihm oder Hegels Kopf Beachtung.

Aber ich laufe ja nur vorbei, lenke meine Schritte in das schmale Gässchen zwischen all den großen, lauten oder zumindest gepflasterten Straßen der Umgebung. Hier pfeift der Wind nicht. Er ruht sich aus, ringt nach Luft, bevor er weiter muss. Dabei hinterlässt er den Geruch von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln und ich lächle. Nicht wegen des Zuckers oder der Mandeln, sondern wegen des Schotters. Meine Stiefelsohlen sind hauchdünn, die Füße bar und ohne Strumpf in den Schuhen. Die kleinen spitzen Schotterstückchen bohren sich durch die Sohlen in mein Fleisch.

Das streckt die Zeit und gerade hier in diesem kleinen Gässchen, das beinahe so unbeachtet wie Hegels Kopf ist, freue ich mich, dass die paar Meter mir nun länger vorkommen.

Am Ende richtet sich mein Blick kurz nach links und ich lächle den Polizisten zu, die dort in der Kälte stehen. Pro forma. Sie erwarteten es nicht und ich fühle mich hier nicht in der Pflicht. Ich muss eher immer kurz stutzen, bis mir einfällt, dass ich ja weiß, warum sie da stehen, und lachen, weil mein Vergessen und ihre Präsenz beide absurd sind. Pro forma nicke ich ihnen zu, weil das nichts weiter heißt als ›die Form wahren‹, so ungefähr jedenfalls und es mich an ›den Anschein wahren‹ erinnert und ich mir scheinbar zu viele Gedanken über Worte mache.

Weiter ab, denn wir dürfen das Geländer nicht vergessen. Einfach über die Straße und ran an das Geländer. Unter einem dann der Wassergraben und gegenüber auf der anderen Seite erheben sich die alten Bauten und davor steht sie zwischen all den Fassadenstückchen und dem Bauschutt, der bald weggekarrt wird, um zukünftige Fassadenstückchen und zukünftigen Bauschutt heranzukarren, womit sie die Bauten hübsch machen wollen. Während drin doch auch nur Tonscherben rumliegen.

Ja, da steht sie. Trotz der Kälte in dem dünnen, aber hochgeschlossenen Sommerkleidchen. Dunkelblau mit stecknadelkopfgroßen, weißen Punkten, die ich nicht sehe, aber kenne und deshalb weiß, dass sie da sind. Die störrischen Haare hat sie in zwei Zöpfe gebannt, über jedem Ohr einer und unter ihren wasserblauen Augen lächelt sich mich mit debilem Grinsen an und winkt eifrig. Ich lache, winke zurück und rufe: »Spring!«

Da springt sie, ich sehe sie noch grinsend im eiskalten Wasser, laufe über die Brücke zur Insel, über diese hinweg und die nächste Brücke rauf. Auch in diesem Wasser grinst sie und ich rufe: »Jetzt schrei!«

Da schreit sie und später steht sie dann an der Ampel plötzlich neben mir, noch immer triefnass, noch immer im Sommerkleid und ja, nun, sie schreit und grinst und winkt. So geht das den ganzen Tag. Hinter der nächsten Ecke steht sie und ringt um Aufmerksamkeit immer wieder und wieder, auch wenn ich sie eine Treppe hinunter stoße oder vor ein Auto schubse. Ich kenne das. Genauso wie die kleinen weißen Punkte auf ihrem Kleid. Es ist immer das gleiche.

Erst wenn ich dann in einem Café sitze oder einer Kneipe, sie draußen bleiben muss und gegen die Fensterscheiben klopft, während ich drinnen sitze und aufschreibe, was sie geschrien hat, dann hört sie auf zu grinsen und grad wenn ich kurz davor bin, sie zu verlieren, dann stehe ich auf.

Denn ich weiß und sie weiß, dass ich dann, wenn es auf der Straße wirklich dunkel ist und sich auf ihrer nassen Kleidung Frost bildet, ich raus gehen werde, sie an die Hand nehme.

In meiner Wohnung lächelt dann keine mehr von uns beiden, aber sie bekommt eine warme Decke, eine heiße Schokolade und das Himmelbett in meiner Besenkammer.

5.12.08

In der Ferne schweifen noch Gedanken, die wir gestern gierig tranken.
Sind wir nach dem Fest berauscht und nöcher streifen wir die letzten Federkiele ab.
Wetzen Schnäbel, schärfen Krallen, mag der Wein auch heute zu gefallen.
Sind wir doch zu schwach. Unsre Instinkte werden wach.

So erheben wir uns aus den Flammen. Wir pflegen lieber unsre Schrammen,
ruhen weiter unsre Augen aus und Rauch weist in die Welt hinaus -
wo Gefahren reizvoll lauern, in den Mauern sichrer Heimstatt
kann uns niemand Wunden schlagen, werden wir niemals verzagen.

Komm doch mit. So bleib doch hier.
Hast Du Angst? Bist Du von Sinnen?
Ich bitte Dich, ich rate Dir.
Verlier ich eher – möcht ich gewinnen.

23.11.08

Ein Zyklus in vierundzwanzig Zeilen

I.

Die Drehung Deiner Hand
wirkt mit steter Ruhe
Wirbel in den Grund
des Horizontes.

Und sie wünschen, bitten, sehnen.

Du spinnst, empfängst.
Du spinnst, vermengst
die Fasern.

II.

Beim Augenaufschlag
ziehen Deine Wimpern
Furchen in den Sand
des Stundenglases.

Und sie hoffen, bangen, beten.

Du misst, Du lenkst.
Du misst, Du längst
die Fäden.

III.

Unter Deiner Klinge
kreuzen sich die Schatten
unbekannter Wege,
bis der Winkel bricht.

Und sie sorgen, fürchten, flehen.

Du wählst, Du trennst.
Du wählst, benennst
die Enden.

3.12.08

Nimekesha, makesha

Ich bin die Wache, Schlächter, ruheloser Traumverfechter.
Dein Schlafsand wurde fortgespült. Die Rache mein,
geschwächter Seelenpächter, kühlt die Sorgen.
Schon morgen, Ungerechter, wirst Du nicht mehr Wächter sein.

Ninapenda, mahawara

Ich bin die Lust, Entbrannter, atemloser oft Verlangter.
Dein Fingerschlag ist aufgespart. Verluste mein,
gespannter Unbekannter, stärken meinen Willen.
Schon bald, Entsandter, willst Du nicht verkannt mehr sein.

Nami, ninapigania, asikari

Ich bin ein Streiter, Krieger, reueloser Überflieger.
Dein Lanzenstoß wird abgewehrt. Und hilfsbereiter
als Du, mein Sieger, werde ich vernichtend sein.
Schon jetzt, Betrüger, setze ich dein Wort als meine Waffe ein.

14.12.08

Ich habe meine Haare heute rot gefärbt.
Und diese aufgeschlagne Unterlippe
wird in unsrer Sippe dominant vererbt.
Die spitze Zunge hat den Schlag geübt.
Nun zuck doch nicht, wenn in der Stille
meine Pupille sich plötzlich trübt.

Mein Rücken ist akzentuiert,
den Schultern gleich gebogen.
Selbst mein Nacken kokettiert
verlogen mit der Form.
Besieht man’s recht – wir
ähneln uns enorm.

Ich nähm das Schwert
in meine
Hände,
fände
ich Deine
durch Schuld versehrt.

Deine Stirn jedoch
ist meiner helles
Vorbild. So fällt es noch
den geraden Brauen schwer
dagegen zu bestehen.
Sie bieten keine Gegenwehr.

Wirbel, Glieder, Haltung sind perfekt.
Dein Mund gebraucht die rechten Wörter.
Gehört der Kinnschwung auch hervorgereckt,
bleiben Deine sonstgen Gesten unverderbt.
Ach, könnte ich nur Deine Unschuld haben!
Und Du hast Deine Haare heute rot gefärbt.

10.03.2009

Einer Berliner Kneipe

Ein zerschlagner Puppenkopf thront über mir.
Ich denke und zerdenke hier
den Tag und auch die Stunden.
Mit einem Arm umwunden
hält er sie in Sepia fest,

mich im Blick, der Zeit entsagt,
beschreib ich meine Blätter
und frage mich zuweilen, hätt er
auch heute noch die Liebste lieb
und sorgsam an den Leib gepresst.

Die letzte Runde zieht vorbei und ich
entziehe mich den nächsten zwei Sekunden.
Der Tag und auch die Stunden sind nun zerdacht.
Die Blätter unterm Arm, geh ich in die Nacht.
Zerschlagne Zeit im Kopf.

27.05.2008

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