November 2006


von Ingo Heinrich Seipel

Bröckelt der Putz lachend von der Decke
Und alte Tapetenfetzen hängen gähnend gen Boden
Auf Großmutters Bilderrahmen sammelt sich vergessen der Staub
Und lediglich im Bad, funkelt ein zerkratzter Spiegel fleckenfrei

Aber im Haus gegenüber,
Da hat man Blumen gezogen und Regenwürmer, aus der Erde, dazu.
Da hat man Flokati gelegt und Ideologien ebenfalls.
Bemüht schreitet einer in seinem Haus den Weg über gelegten Teppich

Guter Mann, komm herüber!
Ich zeige dir, Teppiche selber zu legen
Und du zeigst mir, Bilderrahmen von Staub zu befreien

Zum Schreiben werde ich oft, so trivial es auch klingen mag, durch einen einfachen parasitären, ja fast plagiatorischen, Prozess gebracht. Man hört eine Zeile aus einem Lied, ein Fetzen einer Unterhaltung am Tisch nebenan, oder eine einzelne Zeile einer Werbebotschaft, deren Sinn man beim Vorbeilaufen nicht entschlüsseln mag.

Diese eine Zeile entwickelt dann ein Eigenleben – eine Geschichte oder eine Stimmung baut sich darum auf und entweder man hat dann was brauchbares oder vergisst (leider öfter als im ersten Fall) das ganze wieder.

Heute: S-Bahn, seltsame Stimmung, weil viel Geld ausgegeben, sogar für etwas vernünftiges, im Dunst eines engen verschlossenen Raums im Winter, eine Liedzeile. Nichts wirklich poetisches, eher im Gegenteil – für die meisten Menschen, wenn auch gebräuchliche Wortwahl, so doch vulgär. Und genau darum spannt sich dann die Geschichte, die sich augenblicklich in meinem Kopf baut – die Auflösung des Vulgären. Wahrscheinlich landet es in der Kategorie „Schubladenfutter“, aber selten ist mir aufgefallen, dass sich der Kopf auf so etwas reichlich triviales stürzen kann.

Nicht dass ich nicht schon eine Kurzgeschichte über die Eleganz eines Handgelenks geschrieben hätte, an dessen Ende eine Person hängt, die gerade eine Schmalzstulle schmiert. (Jepp. Das ist mein Ernst. Ich glaube, sie gehört sogar zu meinen besseren Sachen.)

Jede Stimmung hat ihre Musik, ebenso jede Jahreszeit. Im Frühherbst, mit Sonnenschein habe ich folgendes im Ohr, was ich gerne empfehle:

Poe

Die beiden Alben der Singer-Songwriterin „Hello“ und „Haunted“ bestechen durch Poes fantastische Stimme, eingängige bis tiefgründige Texte (gerade Haunted ist brillant) und einen angenehmen Stilmix. Schade, dass es nur diese beiden Alben von ihr gibt – kaum hat man sie kennengelernt, kennt man auch schon alles von ihr.

Eskobar

Als männlich-stimmiges Gegenstück empfiehlt sich „Eskobar“. Wunderbar melodiöse Stücke, eine ruhige Atmosphäre und sicherlich für jede Jahreszeit geeignet, aber nun mal jetzt gerade entdeckt.

Hushpuppies

Schon rockiger kommen die französischen Hushpuppies mit „The Trap“ daher. Definitiv gute Laune würdig und am ehesten in die Schublade „gehobener Garagenrock“ zu schieben.

Wer die Arbeiten zu den Brombeerfeldern mitverfolgt hat, dürfte wissen, dass ich spielend mehrere passable Szenen wochen- oder monatelang vor sich hinstauben lassen kann, ohne dabei nervös zu werden. Direkt nach der Fertigstellung habe ich zwei neue Szenen geschrieben – etwas sauer auf meine Kreativität, weil ich ursprünglich nicht gleich wieder Drama schreiben wollte.

Aber in Prosa war eine Fortsetzung nur schwer möglich und dann hatte ich plötzlich einen oder besser gesagt zwei Schlußmonologe fertig und in den letzten Tagen haben auch einige der neuen Charaktere an Gestalt zugewonnen.

Der ursprüngliche Cast umfasste noch siebzehn Rollen. Ich wollte mich ungern von den Charakteren der Brombeerfelder trennen, aber nun sind Isa, Pawel, Ben und Wilhelm dem Rotstift zum Opfer gefallen. Da waren es nur noch dreizehn.

Neben Juwel, Tamtam und einem weiteren alten Bekannten hat niemand das erste Stück überlebt. Die neue Rollen sind mir da natürlicher Weise noch sehr fremd. Also verwickelt man sie möglichst schnell in Dia- und Monologe.

Und da entwickelt so ein Stück ein gewisses Eigenleben. Die Figur der Kassandra sollte eigentlich nur einen Cameo-Auftritt bekommen. Jetzt hat sie einen der drei Eröffnungsmonologe (ja, ich mag die Dinger – nicht weil sie sich etwa einfacher schreiben ließen, sondern weil die Charaktere da sehr viel verlogener oder aufrichtiger sein können, als es in Dialogen möglich ist). Und sie wird die Handlung vorantreiben.

Wenn jemand eine Leseprobe haben möchte, dann kann er sich natürlich jederzeit melden – nur muß er mit einem gedanklichen Work in Progress-Stempel leben.

Als ich diesen Sommer in Wien war, traf ich bekanntlich auch auf Peter Nathschläger, einen befreundeten Autoren. Wie das so ist, schwätzt man dann auch eine Weile und als er erfuhr, dass ich auf kurz oder lang auf die Lektoratsschiene gehen wolle, war er begeistert – schließlich kann man so was als Autor immer gut gebrauchen. Wir vereinbarten, dass ich mich an einem seiner Manuskripte etwas austoben darf.

Nun erhielt ich vor geraumer Zeit das Manuskript, dummerweise aber genau zu einer Zeit, in der ich von selbiger kaum welche hatte. Das Studium begann und nun ja – ich bin im allgemeinen ganz gut beschäftigt.

Jetzt hat Peter allerdings eine Newsgroup eingerichtet, um die Kommunikation zwischen Lektor und Autor zu verbessern, ich selbst bin krank und kann ohnehin sonst nicht viel produktives tun, also habe ich am Wochenende die erste grobe Korrekturarbeit an Nibis Amida gemacht. Jetzt geht es an die eigentliche Arbeit  – und was soll ich sagen: Es macht Spaß.

Wie der eine oder andere sicher schon bemerkt hat, sind die Beiträge in diesem Blog zur Zeit eher rar gesät. Das liegt unter anderem am Beginn meines Studiums und dem damit verbundenen Fehlen an Zeit. Man arbeitet schließlich ja auch noch, lernt so nebenbei neue Menschen kennen und hat in seiner spärlichen Freizeit eher Lust mit angenehmen Gesprächspartnern einen Kaffee trinken zu gehen, anstatt ein Blog zu füllen.

Andererseits liegt es auch daran, dass ich das Blog nicht mit einer Flut alter Texte überfluten möchte. Das werde ich wohl irgendwann demnächst in einem Schwall machen, damit man zwar die Möglichkeit hat, ein wenig in der Spielkiste zu wühlen, aber nicht ständig – wenn man das so gar nicht spannend findet – gelangweilt wird.

Neuer Texte wird es erst mal eher wenige geben. Momentan arbeite ich eher an Langzeitprojekten. Eventuell wird es eine Fortsetzung der Brombeerfelder geben, aber da Wunsch nach Prosa und Drang nach Drama sich noch immer fleissig streiten, wie das Ganze formal aussehen wird und ich nicht die geringste Ahnung habe, wie das Ende genau aussehen soll, kann das dauern.

In Planung habe ich jedenfalls für diesen Blog noch eine eigene Kategorie, die sich den linguistischen Themata widmen soll. Dies eher für Kommilitonen und Interessierte. Das kommt aber auch etwas darauf an, wie groß die Nachfrage danach ist.

Soweit also erst mal ein kurzer Zwischenstand.