Oktober 2006


Und ich singe
… gelobten erprobten Narren
die Lieder gesprenkelter Paranoia.
Und sollten sie – als wollten sie -
Derwischreigen tanzen,
singe ich und stimme ein.

Und ich singe
… den alten, bestallten Dirnen
die Weisen verwinkelter Gonorrhoe.
Wenn sie dann erbleichen – die innerlich Weichen -
Lakenwalzer drehen,
summe ich und ziehe mit.

Und ich singe
… den geduldigen, schuldigen Opfern
die Chansons beliebiger Sympathie.
Und falls sie mit Bangen verlangen,
Sühnetänze flattern,
töne ich und falle ein.

Und ich singe
… den verirrten, verwirrten Kindern
ein Lied von tröstender Ruhe.
Und sobald sie dann ihr Schweifen begreifen,
ihre Füße erden,
hoffe ich, sie singen mit.

Tage brechen meinen Mund wie Eisenstangen,
im Dachgebälk zerfurcht ein Parasit das Holz.
Schläfrig stöhnen Sparren, hoffen und verlangen,
die Ruhe, die ich ihnen lang verwehrt.

Flüchte ich der Nacht geneigt.
Jage unter Blinden
all das Licht und all die Sterne,
und erblicke in der Ferne
meine Heimat, weit verzweigt.

Die Ruinen thronen über kargen Gründen,
vereinzelt noch ein Tier, das in der Asche kriecht.
Leere Zukunft tropft aus tiefen Straßenschlünden,
versichert weiter eine heile Welt.

Rast mein Herz unweigerlich,
wutentbrannt verstehe
ich das Enden und das Fallen
schärfe ich schon meine Krallen
und auf einmal seh ich Dich.

Deine Augen folgen wild den Sternenstürzen.
Verbissen hetzt Du Lichtkaskaden hinterher.
Nicht ein Funkenschlag kann Dir die Nacht verkürzen
und ich bin Dir nur Stillstand in dem Fest.

Zwischen Zeiten ringen wir.
Schlagen uns die Zähne
in die Nacken, in die Felle,
überschreiten jene Schwelle,
die uns trennt vom Jetzt und Hier.

Uns’re Pranken schlagen rasend tiefe Wunden,
verhungernd schlingen wir einander in uns rein.
Feiern wir das Schlachten über viele Stunden
und bleiben schließlich jeder nur für sich.

Einsam bin ich, wund und lahm,
Du entschwunden wieder.
Lecke Kratzer, pflege Narben,
wieder in der Sonne darben.
Und ich fühle mich so zahm.

Nun schlafe, mein Mohn und erstatte Bericht.
Die Augen geöffnet, die Knie gebeugt,
erstarrt er, verharrt er; bewahrt er die Pflicht?

Der Wächter erwacht, bewacht nicht länger
der Träumenden Schlaf. Vergißt die Stunden
zu stundender Nacht. Entzieht sich Diensten
vergangener Zeit.

Jetzt ruhe, mein Mohn und umgehe Verbot.
Die Augen geschlossen, die Glieder entspannt,
erkennt sie, benennt sie, verbrennt sie die Not?

Die Träumende wacht, beträumt nicht länger
des Wachenden Weg. Verliert die Grenzen
des grenzenden Tags. Bewahrt die Wünsche
verstrichener Frist.

Nun gehe, mein Mohn und verschwende die Zeit
Die Blicke versunken, die Körper getrennt,
gedenken nun beide den Schemen entzweit.

von Katharina Berger

Die Hand meines Herzens
berührte dich
ungestüm

Verkohlte an deiner Glut
zu einer Kralle

Vernarbte um dich
zur Faust

Jetzt
festgefroren
an einer erkaltenden Liebe

Glied für Glied
zwinge ich die Finger auf

und werde frei

-Fragment-

Kaffeesatzstarrende Teetassen türmen sich in meinem Hinterstübchen. Licht fällt. Durch meine Augenlider sehe ich durch Dich hindurch und staune. Deine Teetassen haben dasselbe Muster.
Die angelaufenen Fugen der Fliesen, dort rund um die Spüle, tragen meine Gedanken weiter. Fuge. Fügung. Verfügen. Du verfügst über mich. Nur was mich nachts manchmal dazu bringt mit wild pochendem Herzen aufzuwachen ist.

In Deiner Abwesenheit tust Du es mehr.

Ich sitze auf einer dünnen Schaumstoffmatratze. Die Matratze liegt auf Betonplatten. Der ehemalige Innenhof eines ehemaligen Fabrikgeländes. Die Gebäude sind verfallen. Und die Sonne wirft letzte wärmende Strahlen auf die Bruchstücke und uns, die wir hier warten.
Ich fühle mich an mein jüngeres Selbst erinnert. Ich habe lange nicht mehr auf einer dreckstarrenden Schaumstoffmatratze gesessen und gewartet, dass etwas beginnt. In diesem Fall, eine Veranstaltung zweifelhafter Art, von jemandem mitgenommen, den ich kaum kenne.
Später werde ich in einem kleinen abgetrennten Raum abseits der Fabrikhalle sitzen. Die Party wird noch nicht ganz angefangen haben und ich sitze nur da, weil es überall sonst zu dunkel sein wird, man vergessen hat Kerzen zu kaufen und die Schwarzlichtbeleuchtung in diesem Raum mir die einzige Möglichkeit sein wird, zu erkennen, was ich schreibe.
Natürlich werde ich schreiben wollen. Ich finde fast immer eine Nische, einen Hohlraum, ein Exil abseits der anderen, um zu schreiben.
Aber in diesem Raum, umnebelt vom Duft indischer Räucherstäbchen, nach zu viel Essen und zu viel Alkohol aus unbeschrifteten Flaschen. Eingehüllt in die Drogenausdünstungen der anderen, werde ich mich verlieren. Ich werde nicht schreiben. Ich werde mich irgendwann dabei ertappen, dass ich zwei Stunden auf einen schmalen Streifen zwischen zwei der Schwarzlichtbilder gestarrt haben werde. Entweder dies oder die Zeit wird einen Sprung getan haben. Aber dann hätte ich nicht realisieren können, wie die Musik vom Keller durch den Boden die Wände hinaufkriecht, über meinen Körper in mein rechtes Ohr. Um nach übelerregendem Wirbeln in meinem Kopf aus meinem linken Mundwinkel zu tropfen wie zäher Schleim.
Das wird an diesem Abend natürlich nicht das einzige bleiben. Irgendwann werde ich zum Tresen gehen. Und da wird sie stehen. An dem Topf und an der tragbaren Heizplatte. Und sie wird sich vor meinen Augen in eine alte, hässliche Frau verwandeln. Sie wird mir mit zahnlosem Lächeln einen Becher Tee reichen und ich werde. Ich werde lächeln.
Dann bin ich im Keller und tanze mit ihr und ich. Ich werde. Die harten Bässe tanzen, die mir die Beinknochen brüchig wie Asche zertrümmern. Sie wird die sanfte Melodie tanzen und geschmeidig wie eine Wolke die Form verändern.
Zwischen fluoreszierenden Spinnenweben und Neonraupen. Und wir werden uns ergänzen und es wird nicht gut sein. Dann wird mein Blick auf einer Lücke in der Dekoration verharren, die die Mauer preisgibt.
Dann werde ich mich in meinem Bett wiederfinden und mich fragen wo die letzten dreihundert Kilometer geblieben sind. Ich werde mich an den Keller erinnern und mir wird bewusst werden, dass das nicht nur irgendein Fabrikkeller gewesen ist, sondern dass dieser Keller jemandem gehört. Dass das ein fremder Keller ist.
Dadurch werde ich mich vorher an das Vorher erinnern.
Ich sitze auf einer dünnen Schaumstoffmatratze. Die Matratze liegt auf Betonplatten. Der ehemalige Innenhof eines ehemaligen Fabrikgeländes. Und ich erinnere mich an all die Dinge, die geschehen werden. Aber ich entschließe, dass es heute anders sein wird.
Weil ich in Kellern wühlen werde. In fremden Kellern.

Es begann wohl mit der Kommode. Sie stand von jeher in Annas Schlafzimmer. Eine dieser Standard Ikea-Kommoden. Man findet sie in tausend anderen Wohnungen junger Menschen. Vollgepackt mit Kleidungsstücken, Fotos oder Krimskrams.
Eines Nachts im Oktober wachte Anna auf. Sie lag schweißgebadet in ihrem Bett. Ein Alptraum hatte sie heimgesucht. Nichts wirklich schlimmes. Nur ein Wirrwarr aus Zukunftsängsten und Vergangenheitsbewältigung.
Das Fenster stand weit offen und die Zugluft ließ die zwei Türen der zwei Räume der Zweizimmerwohnung klappern. Ein kurzer nüchterner Blick zum Wecker sagte einen Zeitpunkt zwischen drei und vier Uhr in der früh. Es war definitiv nicht der richtige Zeitpunkt um verstört in einem kalten, zugigen Zimmer zu liegen, das Licht anzuschalten und sich zu denken, die Kommode steht hier falsch.
Anna beließ es in dieser Nacht jedoch nicht bei diesem Gedanken. Sie stand noch halb im Schlaf auf, zog sich einen Morgenmantel über und fixierte die Kommode. Sie starrte sie kämpferisch an und war sich nun sicher. Hier konnte das Ding nicht bleiben. Probeweise stemmte sie sich dagegen. Das Möbelstück war weitaus schwerer als es aussah. Ein Verrücken um ein paar Zentimeter war kein Problem. Aber ein paar Zentimeter waren nicht genug.
Anna gab der Kommode einen zaghaften Tritt. Das änderte nichts, aber es fühlte sich nun besser an. Das Ding wusste jetzt, dass es fehl am Platz war, vielleicht würde es Einsicht haben und sich leichter rücken lassen. Tatsächlich erwies sich das Vorhaben nun weitaus weniger schwierig. Anna zog die Kommode von der Wand weg, umrundete sie und warf sich mit ihrem Körper dagegen. Die paar Meter bis zur Tür waren ein Kinderspiel. Auch wenn der Teppichboden mitgeschleift wurde und sich nun überall im Zimmer eine Armee von kleinen gelben Flusen verteilte.
Die Bewältigung der Türschwelle ignorierte Anna völlig. Sie hatte in ihrem Leben genug Probleme durch pures Ignorieren aus der Welt geschafft, was hatte ihr denn eine Türschwelle entgegenzusetzen. Sicherlich, sie schaffte es, die schmale Holzleiste mit der Wucht ihres Willens und dem Gewicht der Kommode völlig zu zerfetzen. Auch der Türrahmen sah nun weniger schick aus. Vor allem war der Lack an einigen Stellen abgeblättert und unter der weißen Oberschicht trat nun jenes hässliche Berliner Braun zu Tage, dem sie erst vor wenigen Wochen verbissen mit Pinsel und Abscheu zu leibe gerückt war. Aber das war alles kein Problem. Zumindest im Vergleich zu dem stürmischen Klingeln an ihrer Haustür, das nun einsetzte.
Einen Moment lang überlegte Anna, ob es ratsam wäre auch hier stur zu sein. Dann fiel ihr jedoch etwas beschämt ein, dass sie seit ihrem Einzug zweimal das Bad geflutet und so den Mietern eine Etage weiter unten weniger schöne Wasserflecken an die Wand gemalt hatte. Sie setzte ihre Unschuldsmiene auf, rückte den Morgenmantel zurecht und schlurfte zur Wohnungstür. Der Nachbar bemühte sich nicht einmal etwas zu sagen. Er stand einfach nur müde und zerknittert vor ihr und blickte leidvoll. Als Anna nicht reagierte, sondern versuchte ihre Unschuldsmiene verbunden mit einer nicht ausgesprochenen Frage aufrechtzuerhalten, schaute er demonstrativ auf seine Armbanduhr.
Anna kämpfte ein wenig gegen das Mitleid an und die Schuldgefühle. Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern und flüsterte flehendlich: „Noch eine halbe Stunde?“
Das langsame Kopfschütteln ihres Gegenübers ließ keine Widersprüche zu, so wünschte Anna dem jungen Mann noch eine ruhige Nacht und schloss betont leise die Tür.
Nun stand die Kommode quer im Flur. Es fühlte sich nun besser an, hier und nicht im Schlafzimmer. Aber Anna musste sich eingestehen, dass das Möbel den Weg blockierte. Man konnte sich zwar an einer Seite geradeso vorbeiquetschen. Aber es schränkte die Funktionalität des Flures als Durchgangsbereich und Verbindung der beiden Zimmer plus Bad und Küche doch erheblich ein. Und Ignorieren würde hier wenig helfen.
Anna schrammte an der Wand entlang ins Wohnzimmer, holte ihr Telefon, schürfte sich beim Weg ins Schlafzimmer den Ellenbogen am Wandputz auf. Sie ließ sich erschöpft aufs Bett fallen, betrachte resigniert die Teppichstückchen, die sich schon zwischen die Laken verirrt hatten und wählte eine Nummer.
Es war nun halb fünf, wenn es tatsächlich noch jemanden unter ihren Freunden gab, der wach war, dann wollte er bestimmt nicht telefonieren. Doch dies war ein Notfall.

Ella hatte einen Schlüssel zu Annas Wohnung. Sie war einiges von Anna gewohnt, so hatte sie der nächtliche Anruf zwar überrascht, aber nicht verwirrt. Auch die Anweisungen die vom üblichen ‘Komm vorbei und bring doch Zigaretten mit.’ abwichen und sich auf Lebensmittel und diversem Heimwerkerbedarf ausdehnten, vermochten sie nicht zu stören. Einzig Annas Aufforderung sofort vorbeizukommen, musste sie widersprechen. Die Zigaretten wären kein Problem gewesen und an der Tankstelle um die Ecke, hätte sie, wenn auch zu überhöhten Preisen, sicherlich ein paar Tiefkühlpizzen bekommen. Doch die Farben und Pinsel, die Anna verlangte, gab nur der Baumarkt her und Ella weigerte sich, diese gewaltsam zu beschaffen.
Als sie jetzt mit schweren Taschen die Tür öffnete… Nein, sie wollte die Tür öffnen, aber etwas blockierte den Zugang. Ein leiser Aufschrei und ein Fluchen ertönte. Schrill und blumig. Augenblicklich wurde die Tür aufgerissen, Anna stand im Morgenmantel, mit leuchtenden, aber ringumrundeten Augen da und nahm Ella übereifrig die Einkaufstüten ab.
„Oh, du verwüstest Deine Wohnung.“, begrüßte Ella trocken. Neben der Wohnungstür waren sauber quadratisch geschnittene Stücke eines Teppichs aufgeschichtet, daneben standen überquellende Mülltüten mit Tapetenfetzen, die gegen eine quergestellte Kommode lehnten.
Überall war Staub, abbröckelnder Putz und zerknüllte Zeitungen. Anna schien das alles nicht weiter zu beachten, sie stöberte in den Einkaufstüten und holte eine Farbbüchse hervor: „Lindgrün? Ich sagte Moosgrün.“ Damit warf sie die Büchse achtlos beiseite und schlängelte sich durch den Flur zur Küche, kurz darauf war ein heiserer Ruf zu vernehmen: „Kaffee?“
Ella schüttelte den Kopf und folgte Anna unter einigen Schwierigkeiten. Stumm nahm sie die dargebotene Kaffeetasse entgegen und machte gedanklich drei Kreuze, weil die Küche sich noch immer im Originalzustand befand.
„Wo ist der Unterschied? Es ist grün.“
„Ich will aber keine lindgrüne Kommode.“ Damit war für Anna anscheinend alles gesagt. Sie setzte sich auf die Waschmaschine und zündete sich eine Zigarette an.

Anna war in den nächsten Wochen fleißig. Sie riss Teppiche raus, Tapeten von der Wand. Sie lackierte Möbelstück um Möbelstück in einem furchtbarem Grünton mit Goldsprenkeln. Bücher, Klamotten und Geschirr wurden sortiert. Videokassetten beschriftet. Die Gitarre, die nur zur Dekoration im Wohnzimmer stand, wurde sorgfältig abgestaubt, poliert und zurück in die Ecke gestellt. Fotos wurden in Alben geklebt. Alte Freunde angerufen.
Sie brachte ihre Wohnung in beängstigende Ordnung. Keine augenscheinliche Ordnung. Aber alles hatte seinen Platz. Die Wörterbücher lagen auf einem Stapel zwischen den Mülltüten im Flur. Konservendosen reihten sich auf den Fensterbrettern im Bad. Die Socken baumelten in einem ökologisch abbaubaren Baumwollbeutel, der an einem Nagel in der Küche hang.
Anna schlug sich die Nächte in ihrem Wahn um die Ohren, während sie tagsüber in einem erschöpften Dämmerzustand dasaß und das weitere Vorgehen plante.
Ella kam alle zwei, drei Tage und brachte Lebensmittel, Zigaretten und Baumaterial. Annas Bruder kam einmal in der Woche und brachte Geld von Annas schrumpfendem Konto. Der wasserfleckgeschädigte Mieter aus dem ersten Stock holte täglich die Post hoch. Anna blieb in ihrer Wohnung.

Sie war in ihrem Beschäftigungsdrang stur. Sie ließ sich keine Muße für Bücher, Fernsehen oder Langeweile. Ihr Verstand katalogisierte Dinge und steckte sie in abstrakte gedankliche Schubladen. Anna ordnete Gegenständen Stimmungsbildern zu. Ihre bevorzugte Zigarettenmarke, zwei Bücher von Sartre, ein Album von Elvis Costello und das Licht im Wohnzimmer morgens halb acht, nannte sie ‘neurotisch aber schön’. Einwegfeuerzeuge, Heizungskörper und Kuchengabeln waren ‘phlegmatisch-nervös’. Einmal erzählte sie ihrem Bruder in ernstem Tonfall, dass sie beim Aufräumen eine einzelne Socke gefunden hatte, die als einziges Ding in ihrer Wohnung ‘glücklich’ war.
Sowohl Ella, als auch Annas Familie fingen an sich Sorgen zu machen. Sie verdrängten dieses unwillkommene Gefühl geschickt zwischen den Streit mit dem Arbeitskollegen und Wochendausflügen. Diese Taktik funktionierte gut genug für alle Beteiligten. Es änderte sich nichts. Ella brachte Einkäufe, Anton Geld, der Wasserfleckenmieter Post. Anna hauchte Dingen Gefühle ein.

Ella schloss die Tür auf. Sie hatte sich in den letzten Wochen angewöhnt, die Müllsäcke zu begrüßen. Laut Anna waren sie einsam. Ella hatte ein, zwei Mal den Versuch unternommen, Anna zu überreden die Säcke wegzuschmeißen. Ihr sogar angeboten es selbst zu tun. Doch Anna hing an ihnen, auch wenn sie den Weg blockierten und keinen Zweck erfüllten.
Als Ella nun durch den Flur ging, fühlte sie, dass sich etwas verändert hatte. Anna werkelte nicht in der Wohnung herum. Es war keine Kratzen oder Scharren oder Klappern zu hören. Nirgends in der Wohnung brannte Licht, obwohl es bereits Nacht war und die zahllosen Lampen und Glühbirnen in den letzten Wochen mit Vehemenz gegen jeden Schatten angekämpft hatten.
Anna saß in der Küche am offenen Fenster. Eine Zigarette in der Hand, blickte sie hinunter in den Innenhof und war völlig in Gedanken versunken. Der Tatendrang, der sie wochenlang erfüllt hatte, die Unruhe und Anspannung waren verflogen. Ihre Schultern zuckten nicht mehr unentwegt, ihre Augen ruhten auf einem einzigen Punkt, ihre Hände lagen zusammengefaltet auf der Fensterbank.
„Und, ist es nun vorbei?“
Anna hob ihren Blick. Sie schien nicht überrascht Ella zu sehen, sondern sie nickte nur langsam.
Ella trat zu ihr und strich ihr über den Kopf: „Und wozu das alles?“
Anna streckte ihren Kopf in die kühle Nachtluft und schloss die Augen: „Ich weiß nicht. Vielleicht brauchte ich nur einen Grund nicht auf die Straße zu gehen. Glaubst Du ich bin verrückt?“
Ella lächelte milde: „Das ist eine dumme Frage, Anna. Du bist nicht verrückt. Du hast nur angst. Ich weiß zwar nicht wovor oder vor wem, aber das ist alles. Die Frage ist nur, ob Du so weiter machen willst oder das Risiko eingehst, rauszugehen.“
Anna wirkte verstört. Sie schaute sich in der Küche um, als wäre sie nie zuvor hier gewesen. Dann stand sie auf und durchschritt die Zimmer, den Flur, blieb hier und da stehen, um etwas zu betrachten. Als sie in die Küche zurückkehrte, wirkte sie hilflos: „Gott, Ella, was habe ich nur gemacht. Ich hasse Grün. Ich habe jedes verdammte Möbelstück grün gestrichen, sogar den Bettrahmen.“
Ella lachte leise: „Und das war wahrscheinlich das Sinnvollste, was Du die letzten paar Wochen gemacht hast. Du wirst Dich hier unmöglich wohl fühlen können. Dir bleibt keine andere Alternative als Deine Wohnung zu verlassen.“
„Kannst Du nicht in den Baumarkt fahren und etwas Farbe kaufen. Rot oder Schwarz oder von mir aus auch Blau?“
Ella legte den Schlüssel zu Annas Wohnung auf den Küchentisch: „Ja, Anna. Ich könnte. Aber ich werde es nicht tun. Ich werde Dir auch keine Lebensmittel und Zigaretten mehr bringen. Frag, wenn Du willst, Deinen Bruder. Vielleicht macht er es ja. Aber ich hoffe, er lässt es bleiben, sonst wirst Du anfangen Dich hier wohl zu fühlen. und die Angst vor dem Draußen wird größer und größer.“
Anna zitterte sacht: “Aber was soll ich denn jetzt tun?”
Ella zuckte mit den Schultern: “Du könntest Anton anrufen.”
“Wen?”
“Herrje, Anna. Anton. Schau Dich doch hier um.”
Und Anna blickte sich um. Zum zweiten Mal in dieser Nacht durchstreifte sie die Wohnung. In dem Doppelbett lagen zwei Decken, zwei Kissen. Zwei Stühle am Esstisch. Die Gitarre im Wohnzimmer war gestimmt, der Steg vom häufigen Spielen etwas abgenutzt. Zwei Zahnbürsten lehnten sich gegeneinander im Zahnputzbecher. Einige Bücher in den Regalen waren doppelt. Zwei Zimmer in einer Zweizimmerwohnung. Und der Geruch von zwei verschiedenen Menschen.

Die erste Wahl kann entscheidend sein. Für Weiterkommen, Inspiration, sogar Qualität. Normalerweise schreibe ich still. Bloß keine weiteren Geräusche, als das Vorbeifahren der Autos unten auf der Straße, das leise Rauschen des Wassers im Heizkörper und das gedämpfte Jaulen einer Fernsehtalkshow aus dem Apparat in der Nachbarswohnung.

Aber wenn man beginnt, sei es Lyrik, Prosa, Drama, muß die Stimmung mit Musik belegt werden.

Diesmal fällt meine Wahl auf Philip Glass. It was you, Helen als ersten Ansatz. Dann quer durchs weitere Werk. Die Stimmung ist trüber Herbst, mit vereinzelten Lichtblicken. Eben so wie grad auf der Straße, nur dort ohne Erholungspausen.

Das, was dann beim Schreiben rauskommt, wird nur bedingt die Melancholie der eingesogenen Musik widergeben. Die besten Lacher hat man während einer Dürreperiode. Im Überfluß läßt sich das Chaos am einfachsten heraufbeschwören.

Es ist Herbst, die Finger kühlen aus beim Schreiben, nur der Kopf raucht und bringt sogar vollständige Sätze zusammen.

Es ist wieder soweit…

Dein Grau deckt sich partiell mit meinem
und gleitet ins schwärzeste Sein,
erträgt unser ewiges Fragen,
nach was und warum und dem Schein.

Du Holde Erquickerin Gräue
mit glänzender Neugier bedacht,
ich spiegle mich in Deiner Maske,
die Dich zu der Einzigen macht.

Der einzig vertrauten Komplizin
- in diesem verschlingenden Spiel.
Die Könige können nicht walten,
sie schulden den Deinen zu viel.

Die Lilien bedachten Embleme,
die Banner erhobener Pracht,
vergehen in unseren Schatten,
im Dunst einer heimlichen Schlacht.

Du gnädige Freierin Gräue
durch schleichenden Wahnsinn geprägt,
ich sonne mich in Deiner Vielfalt,
die mich als Begleiterin wägt.

Verdiene ich dieses Vertrauen?
Das Wissen um wirkliche Kraft?
Ich fliehe dem Einfluss entgegen,
der unseresgleichen erschafft.

Du opferst die eigenen Wünsche.
Die Menschen verstehen doch nicht.
So gehst Du versteinerter Miene
und bleibst ohne mich vor Gericht.

Du treue Erbauerin Gräue
mit gütiger Weisheit beschenkt,
ich lausche den knarrenden Balken
des Galgen, an den man Dich henkt.

Oh je. Da durchforstet man ganz unschuldig seine Notizen und Ordner, die mit „Unfertige Texte“ überschrieben sind und dann findet man Sachen, an die man sich gar nicht mehr erinnern kann – obwohl sie nach Datumsstempel der letzten Speicherung noch gar nicht soo lange in den Schubladen rumliegen.

Meine Theorie: Lia ist irgendwann spät abends in einer nachdenklich-betrübten Stimmung und fängt an aus Trotz etwas zu schreiben, was sie für hoffnungsvoll oder so hält.

Da mir aber irgendwie der Bezug zu dem Ding fehlt, kann ich es beim besten Willen nicht einordnen. Die Idee ist vielleicht sogar ganz nett (wenn auch nicht neu), aber herrje, die Umsetzung!

Langsam fällt mir wieder ein, warum ich dem Formfetischismus den Rücken kehre – auf die Dauer klingt dann einfach alles zu verkrampft und zu gewollt. Aber um wenigstens einmal etwas zu veröffentlichen, was mir nicht erst in ein paar Monaten sondern schon jetzt nicht wirklich gefällt:

Ein Blatt

Ein Blatt hab ich zum leben.
Ein Fünftel ist bereits beschrieben,
so eng, dass zwischen schwarzer Tinte
kein Weiß mehr ist.

Da steht etwas von Kindertagen,
von Regen, Sonne, Mond
und all den bangen Schicksalsfragen,
für die das Suchen lohnt.

Und erste Liebe steht dort bleiern,
in sagenhafter Wißbegier.
Was ließ sich dieses Flattern feiern
und dieses nie gelebte Wir.

Ein Blatt brauch ich zum Streben,
die Fehler aus dem Gold zu sieben,
das staubig meine Haut und Augen
benetzt, belegt.

Und es erzählt von langen Nächten,
die ruhelos und einsam sind,
von Tagen, wenn wir zweifelnd fechten,
im Zeitensand, der uns verrinnt.

Die vielen Schuhe, die zerschunden,
den Weg bis hier begleitet haben,
verbleiben letternschwer und kunden
von Meilenstein und Wundergaben.

Ein Blatt reicht mir zum weben,
die Lebenslinien nach Belieben
zu fügen. Und zu richten was da
noch kommen mag.

8.07.06